Prof. Dr. Dr. Winfried Banzer, 1953 in Riedenburg geboren, ist Leiter der Abteilung Sportmedizin, Prävention und Rehabilitation des Sportwissenschaftlichen Instituts der Johann-Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt. Der Vater dreier Kinder ist Landesbeauftragter für Sport und Gesundheit des Landessportbundes Hessen und Präsidiumsbeauftragter des Deutschen Sportbundes für Gesundheit.
Der sportliche Tennisspieler, Mountainbiker und Skiläufer ist darüber hinaus Leitender Verbandsarzt des Hessischen Leichtathletik Verbandes und Arzt des Deutschen Davis Caup Teams. Die Forschungsschwerpunkte des Literatur- und Musikliebhabers (von Bach und R&R über House, Soul und Jazz) liegen u.a. in der Präventiven Sportmedizin, der Gesundheitsförderung, der Ernährungsmedizin und der sportmedizinischen Leistungsdiagnostik.
Herr Prof. Banzer, Sie sind Landesbeauftragter für Sport und Gesundheit des Landessportbundes Hessen und Bundesbeauftragter des Deutschen Sportbundes. Welches sind derzeit für den organisierten Sport die wichtigsten gesundheitspolitischen Themen?
Der organisierte Sport bietet schon seit längerer Zeit ein breites Netz gesundheitsbezogener Bewegungs- und Sportprogramme an. Diese qualitativ hochwertigen Angebote können die Grundlage zu einem Netzwerk Prävention und Bewegung bilden. Dazu ist es wichtig, dass der Ausbau weiterer Kooperationen in der Gesundheitspolitik auf Bundes-, aber speziell auch auf Landesebene gelingt. Prävention macht nur dann Sinn, wenn sie flächendeckend angeboten wird, das bedeutet, dass die Bewegung als Mittel der Prävention von allen Gesundheitsanbietern erkannt werden soll und weiter gemeinsam vernetzt werden muss. Diese bereits bestehende weitreichende Infrastruktur des organisierten Sportes kann dafür noch stärker genutzt werden. Mit den Krankenkassen bestehen bereits zahlreiche gemeinsame Projekte, vor allem auf lokaler Ebene. Diese Zusammenarbeit kann auf breiter Basis ausgebaut werden. Sehr erfreulich hat sich die Partnerschaft mit den Ärztekammern auf Bundes- und vor allem auch auf Landesebene entwickelt. Hervorstechend sind die gemeinsam entwickelten Qualitätssiegel "SPORT PRO GESUNDHEIT" und "SPORT PRO REHA". Von dieser Partnerschaft sind in Zukunft noch weitere wichtige Impulse für die Prävention zu erwarten. Durch seine strategische Orientierung und seine gesellschaftliche Position wird der organisierte Sport gemeinsam mit seinen Verbänden und Vereinen die gesundheitsorientierten Bewegungs- und Sportprogramme weiter ausbauen. Der organisierte Sport ist auf Grund seiner flächendeckenden Infrastruktur und der damit möglichen Angebote ein unverzichtbarer Partner im Rahmen des notwendigen Paradigmenwechsels vom Krankheits- zum Gesundheitssystem.
Welche Auswirkungen wird das Präventionsgesetz auf den Landessportbund Hessen und seine Sportvereine haben? In welche Richtung geht's dabei?
Zunächst muss dieses Gesetz vorgelegt werden. Außer sehr kritisch zu bewertenden Eckpunkten sind noch keine konkreten Inhalte bekannt. Der Gesetzesentwurf soll gegen Ende des Jahres im Bundestag verhandelt werden. Die Verabschiedung des Präventionsgesetzes ist für das Frühjahr 2005 geplant. Wir haben in einer Stellungnahme u.a. deutlich gemacht, dass
- der organisierte Sport dieses Gesetz begrüßt und betont, dass in diesem Gesetz das Handlungsfeld Bewegung und Sport ausdrücklich zu benennen ist. Es ist wissenschaftlich belegt, dass evidenzbasierte Bewegungsprogramme nicht nur spezifische Wirkungen erzielen, sondern auch das so notwendige "Gesundheitsklima" schaffen können.
- Es ist weiterhin klar, dass ein solches Gesetz nur die Rahmenbedingungen präventiven Handelns vor Ort, nämlich in den Ländern und Kommunen abstecken kann.
- Sehr bedauerlich ist, dass die im Rahmen der aktuellen Diskussion genannten finanziellen und personellen Ressourcen bei weitem nicht ausreichend sind. Mit der bislang diskutierten Strategie ist ein Paradigmenwechsel zu mehr Prävention im Gesundheitswesen nur sehr schwer zu erzielen. Es ist sehr zu bedauern, dass von Bund und Ländern wohl keine zusätzlichen Mittel für die Prävention zu erwarten sind. Hauptfinanzier werden wohl die gesetzlichen Krankenversicherungen bleiben, wenn auch andere Versicherungen in die Finanzierung von Prävention mit einbezogen werden sollen.
- Das Präventionsgesetz muss keine neuen Strukturen fordern. Vielmehr ist es wichtig, die vorhandenen Strukturen, z.B. des organisierten Sports, zu nutzen und vorhandene Angebote und Initiativen zu vernetzen.
- Bei vielen Forderungen wird die Bedeutung der Nachhaltigkeit präventiver Interventionen leider vernachlässigt. Es fehlen qualitativ akzeptable, flächendeckende und finanzierbare Angebote. Viele Modellprojekte wurden u.a. auch von den Krankenkassen finanziert und aufgelegt, aber daraus haben sich kaum flächendeckende Angebote entwickelt. Speziell für die Hauptzielgruppen Kinder und Jugendliche sowie Senioren und sozial Benachteiligte müssen diese Modellprojekte in flächendeckende Angebote umgesetzt werden.
- Ein Präventionsgesetz muss auch dazu beitragen, partnerschaftliche Lösungen zu finden und Allianzen aufzubauen, um die erwähnten Prämissen "flächendeckend" und "Qualität" einlösen zu können.
Können die Vereine diese Vorgaben Ihrer Ansicht nach überhaupt umsetzten?
Bei ca. 10 000 Angeboten des Qualitätssiegels SPORT PRO GESUNDHEIT in Deutschland und 1500 Angeboten in Hessen ist es nicht zu vermessen, zu konstatieren, dass die Vereine dies bereits umsetzen.
Wie kann der Landessportbund Hessen die Vereine dabei unterstützen?
Vor über 10 Jahren hat der lsb h bereits den Trend erkannt und sich insbesondere im gesundheitsorientierten Bereich engagiert. Über den Einstieg Präventive Rückenschule in Kooperation mit meiner Abteilung an der Goethe-Universität und das nachfolgende Konzept Gesund und trainiert (G.U.T.) haben wir wesentliche Akzente für qualitätsorientierte Arbeit in den Vereinen gesetzt.
Die hierzu notwendige Ausbildung der Übungsleiter und die Überzeugungsarbeit mit den Vereinsvorständen hat eine hohe Akzeptanz erfahren, was sich letztlich in den o.g. Zahlen der heutigen Vereinsangebote widerspiegelt. In einem damals gegründeten Expertenkreis konnten wir wertvolle Lobbyarbeit für die Vereine leisten, so dass heute bereits auch dort eine hohe Akzeptanz u.a. bei der Ärzteschaft und den Krankenkassen erzielt werden konnte. Weitere Gespräche mit der Hessischen Sozialministerin in den nächsten Tagen sollen helfen ein Netzwerk zur Stärkung der Bewegung in der Prävention zu knüpfen.
Sehen Sie dabei die Gefahr, dass Sportvereine zunehmend mehr für die Bewältigung von Gesundheitsdefiziten in unserer Gesellschaft herangezogen werden?
Wir lehnen die Instrumentalisierung des Sports z.B. im Sinne einer Reparaturwerkstatt ab. Auf der anderen Seite sollte man doch unbedingt ausnützen, dass die Teilnahme an dem reichhaltigen Angeboten der Vereine wichtige Gesundheitseffekte "transportiert" wie z.B. Gesunde Ernährung, Meiden von Drogen und Nikotinkonsum, seelische Gesundheit, Partnerschaft und Kommunikation.
Die Vereine dürfen sich aber keineswegs zu reinen Dienstleistern ernennen lassen.
Wie schätzen Sie die schon derzeit bestehenden Angebote des lsb h in Sachen Sport und Gesundheit, beispielsweise im Bereich der Ausbildung von qualifizierten Übungsleitern ein?
Die Aus- und Fortbildung der Übungsleitern und -Leiterinnen für den Bereich Prävention (P) ist der wichtigste Baustein für ein qualifiziertes Angebot der Vereine auf einem stetig wachsenden Gesundheitsmarkt. Um dort bestehen zu können, hat der lsb h schon frühzeitig Aus- und Weiterbildungen konzipiert und angeboten. Neben der Übungsleiterausbildung P "Prävention" auf der 2. Lizenzstufe werden Weiterbildungen mit den Themen "Rücken", "Wirbelsäule", "Diabetes" und neuerdings "Alterssport" angeboten. Eine weitere Modellausbildung in Kooperation mit der Sportjugend Hessen zum Thema "Kinder mit mangelnder Bewegungserfahrung" ist zurzeit in Vorbereitung. Darüber hinaus bietet das Bildungswerk das Landessportbundes Hessen eine Fülle von Seminaren und offenen Kursen im Gesundheitsbereich an, die auch den Übungsleitern in ihren Vereinen neue Trends vermitteln können.
Im Geschäftsbereich Breitensport und Sportentwicklung des lsb h liegen derzeit soviel Anfragen im Bereich Aus- und Weiterbildung vor, so dass ich keine Bedenken habe, dass in den nächsten Jahren qualifizierte Arbeit in den Vereinen geleistet wird.
Vielen Dank für dieses Gespräch