Nach Frankfurt und Gießen wird nun auch in Offenbach eine berufliche Eingliederungsmaßnahme für Heranwachsende durchgeführt, die den Sport als Integrationsmedium nutzt. Die prominent besetzte Auftaktveranstaltung von „Fußball ist das Tor zum Lernen“ verdeutlichte das Vertrauen wie auch die hohen Erwartungen in das Projekt.
Die Erkenntnis, dass der Sport für Migrantinnen und Migranten ein ideales Integrationsinstrument darstellt, setzt sich immer mehr durch. In Hessen ist das auch ein Verdienst der Integrationsexperten von EKIP – Interkulturelles KompetenzTeam, die das innovative Berufsbildungsprogramm „Fußball ist das Tor zum Lernen“ konzipiert haben und in Offenbach nun bereits zum vierten Mal umsetzen. Junge Arbeitslose bis 25 Jahre, die eine Affinität für Mannschaftssport mitbringen, sind die Zielgruppe des von der Mainarbeit GmbH getragenen Projekts, das die Eingliederung ins Berufsleben mit der Vermittlung fußballerischer Fachkompetenzen bis hin zum Erwerb einer C-Trainerlizenz verbindet.
Profis mit Vorbildfunktion
„Wir hatten auch früher schon Nationalspieler, die über den Fußball integriert wurden. In den letzten Jahren haben wir die Integrationsarbeit allerdings systematisch betrieben“, betonte DFB-Vizepräsident Rolf Hocke.
Im Rahmen der Projektpräsentation in den Schulungsräumen der Agentur EKIP in der Offenbacher Innenstadt wies der Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) und Vizepräsident des Landessportbundes Hessen (lsb h) auch auf den hohen Identifikationswert von Fußballprofis mit Migrationshintergrund hin: Ob nun Mesut Özil (Werder Bremen) oder der Neufrankfurter Halil Altintop, ob deutsche oder türkische Nationalmannschaft, - beiden Spitzenspielern komme eine wichtige Vorbildrolle zu. Sie seien in der Lage, Vorurteile abzubauen und in allen Bevölkerungsgruppen Gemeinschaftsgefühle zu erzeugen.
Lebenschancen ergreifen
Hessens Innen- und Sportminister Volker Bouffier, der für sein Engagement in Sachen Integration bekannt ist, kam derweil auf unangenehme Tatsachen zu sprechen. So seien die Ausgaben für Sozialleistungen während der vergangenen Jahre bundesweit um 35 Prozent gestiegen. Diese Entwicklung sei zu hinterfragen. Allerdings versprach der Minister gleichwohl: „Initiativen, die nahe am Leben und nicht so abgehoben sind, werden wir weiterhin unterstützen.“ Dabei behielt er stets die aktuell 16 Projektteilnehmer von „Fußball ist das Tor zum Lernen“ im Blick: „Wer im Berufsleben Fuß fassen will, muss in der Schule den Grundstein dafür legen. Ihr habt jetzt eine weitere Chance“, rief Bouffier ihnen zu und machte kein Hehl daraus, dass auch benachteiligte junge Deutsche Integrationsbedarf hätten.
Hohe Erfolgsquote
Und in der Tat besteht die heterogene Offenbacher Teilnehmergruppe nicht nur aus Migrantinnen und Migranten mit Wurzeln in der Türkei, im Iran oder Afghanistan – auch zwei junge Deutsche sind mit dabei.
Binnen der zehnmonatigen Maßnahme werden sie ihre schulischen Defizite aufarbeiten und im Rahmen zweier Betriebspraktika eine Berufsperspektive entwickeln, die idealerweise in einen Ausbildungsplatz einmündet.
Schon jetzt deutet sich an, dass die bereits in Frankfurt und Gießen überaus erfreulichen Vermittlungserfolge von annähernd 50 Prozent in Offenbach eine Fortsetzung finden werden. Nach nur fünfwöchiger Projektlaufzeit konnte schon ein Teilnehmer seine wegen Firmeninsolvenz unterbrochene Ausbildung andernorts wieder aufnehmen; eine junge Frau hat darüber hinaus mit einer beruflichen Einstiegsqualifizierung begonnen.
Wie wichtig das Projekt „Fußball ist das Tor zum Lernen“ gerade in einer Stadt wie Offenbach ist, die bundesweit die höchste Migrationsrate überhaupt ausweist, unterstrich Oberbürgermeister Horst Schneider: „Wir haben auf dem ersten Bildungsweg eine Menge Verlierer. Über 800 arbeitslose Jugendliche sind viel zu viel. Da bin ich froh, dass es solche Initiativen gibt, wo wieder einige junge Leute aufgefangen werden.“
Diesen Handlungsbedarf hat auch Dr. Matthias Schulze-Böing erkannt. Der Geschäftsführer der MainArbeit GmbH äußerte sich hinsichtlich der Erfolgsaussichten des Projekts optimistisch: „Wir werden versuchen, möglichst viele nicht besetzte Stellen zu mobilisieren und natürlich auch die Jugendlichen während des Bewerbungsmarathons zum Durchhalten motivieren. Ich bin zuversichtlich, dass wir zu guten Ergebnissen kommen.“
Vertrauen schaffen
Gül Keskinler, die Geschäftsführerin der Agentur EKIP – Interkulturelles KompetenzTeam, betrachtet den Auftrag in Offenbach als Bestätigung ihrer bisherigen Arbeit: „Was wir in Gießen aufgebaut haben, davon profitieren wir in Offenbach. Wir fangen hier nicht mehr bei null an, sondern können unsere Erfahrungen multiplizieren.“ Die Integrationsbeauftragte im DFB setzt dabei auch maßgeblich auf ihren Projektleiter Frank Schmidt, der sich als Jurist in den Pädagogikbereich intensiv eingearbeitet hat und das Vertrauen der Heranwachsenden genießt.
„Es ist toll, dass wir hier sportethische Werte wie Teamgeist und Fairplay auf den Berufsbildungsbereich übertragen können. Über diese Sportkomponente wird die allgemeine Aktivität angeregt, was ja die Grundmotivation und kognitive Aufnahmefähigkeit unserer Jugendlichen in jeglicher Hinsicht verbessert“, sagte Schmidt, der sich mit seinem Team deshalb um Partnervereine bemüht, in denen die angehenden Nachwuchstrainer hospitieren können.
Auch Dr. Schulze-Böing weiß den Sport als Integrationsfaktor zu schätzen: „Die Multifunktionswirkung betrifft auch das Knüpfen von sozialen Kontakten. Da sind unsere Sportvereine ganz wichtige Orte.“
Margit Rehn