Landessportbund
Gruppenbild mit Dienstherrn – nach erfolgreichem Abschluss ihrer Ausbildung in der ersten Sportfördergruppe der Polizei erhielten die frischgebackenen Polizeikommissarinnen und –kommissare aus den Händen des hessischen Innen- und Sportministers Volker Bouffier (r.) ihre Diplome. Foto: HBP


Drei von neunen: während Hammerwerferin Katrin Klaas, oben, (Foto: privat) wohl zukünftig beim LKA in der Präventionsarbeit mit Jugendlichen tätig sein wird, will sich Sportschütze Christian Reitz, unten, (Foto: Guido Rudolph) am kriminaltechnischen Institut zum Waffensachverständigen weiterbilden. Annika Mehlhorn, Mitte, (Foto: HBP) ist bereits im Streifendienst aktiv.

Erster Jahrgang der Sportfördergruppe der hessischen Polizei hat das Studium beendet

Spitzensportler sind jetzt auch Kommissare

Gemeinsam nach den Sternen greifen - für Kathrin Klaas und ihre Studienkollegen ist das Wirklichkeit geworden. Seit kurzem ist die Hammerwerferin eine von 14 neuen Polizeikommissaren aus der Sportfördergruppe der hessischen Bereitschaftspolizei (HBP). Den Stern an der Uniform haben sich alle Athleten an der Verwaltungsfachhochschule (VFH) Wiesbaden hart erarbeitet.
Nach der Diplomierungsfeier im Januar gaben sich die Sportler erleichtert: „Am schwierigsten waren die Zwischenprüfungen“, erinnert sich Andrea Bunjes, die ebenfalls als Hammerwerferin aktiv ist.
Für Kathrin Klaas war das Zeitmanagement, trotz des angepassten Studiengangs, eine Herausforderung. „Zwölf bis 14 Stunden-Tage kamen da öfter vor“, erzählt sie. Manches Mal habe ihr Vermieter schon vermutet, sie wolle aus ihrer Wohnung ausziehen, weil er sie, mit den vielen Taschen bepackt, im Treppenhaus getroffen habe. Dabei war sie nur gerüstet für den Alltag: Frühmorgens mit schwerem Gepäck ab ins Training, später zur Arbeit fahrend, um danach erneut im Training durchzustarten.
In ihrer Laudatio verdeutlichte sie deshalb mit den Worten „über das Raue zu den Sternen“, dass die Athleten in der Polizei-Sportfördergruppe kein Lotterleben geführt haben. Sie durften zwar ab 2005 als erster Jahrgang ein Studium absolvieren, das an die Bedürfnisse von Spitzensportlern angepasst wurde. Deshalb auch der verlängerte Studiengang, nämlich viereinhalb statt drei Jahre. Geschenkt wurde ihnen ihr Studium jedoch nicht. Aber das Modell hat sich bewährt. Auch wenn nicht alle Athleten die sportlichen Normen erfüllen konnten, um in der Sportförderung zu bleiben. Neun haben es geschafft.
Qualitätsgarant
„Wir können das Studium für unsere Sportler zum Polizeikommissar im gehobenen Dienst als Qualitätsgarant bezeichnen“, sagt Hans-Peter Krings, Spitzensportkoordinator an der VFH. Nicht umsonst ist die VFH Wiesbaden für 2009 vom Deutschen Olympischen Sportbund zur „Hochschule des Spitzensports“ ausgezeichnet worden. Im Herbst nehmen die Athleten der 6. Sportfördergruppe ihr Studium auf.
„Zudem haben unsere Topathleten auch Top-leistungen erbracht“, sagt Krings. Die Athleten standen den Ergebnissen der Polizeikommissare in den Studiengängen mit Regelstudienzeit in nichts nach. Im Gegenteil. Einige der Sportler haben sich mit ihrer Gesamtnote sogar für die Karriere im höheren Dienst qualifiziert – wie etwa Kathrin Klaas oder Ariane Friedrich.
Schnelle Gewissheit, wo es zukünftig für sie hingeht, hatten Andrea Bunjes, Kathrin Klaas und der Schütze Christian Reitz. Kaum waren die Prüfungen überstanden, fragte das Landeskriminalamt (LKA) an, ob Klaas und Bunjes daran interessiert seien, in der Präventionsarbeit mit Jugendlichen zu arbeiten.
„Es ist ein schönes Gefühl, dass man für eine solche Aufgabe an mich gedacht hat“, freut sich Bunjes. Sie glaubt bei der Polizei ihren Traumberuf gefunden zu haben.
Christian Reitz darf beim LKA seine sportliche Leidenschaft beruflich ausleben. Er will sich am kriminaltechnischen Institut zum Waffensachverständigen weiterbilden. Wie die meisten Athleten der Sportfördergruppe wird er im Tagdienst arbeiten, damit Beruf und Sport weiter zu vereinbaren sind.
„Für mich ist das wichtig, weil sich der Schichtdienst ungünstig auf meine Konzentration beim Schießen auswirkt“, sagt Reitz. Das wiederum würde seine sportliche Karriere beeinträchtigen.
Sport im Vordergund
Um genau diese geht es aber bei dem Projekt der hessischen Polizei in Kooperation mit dem Landessportbund Hessen. „Solange die Athleten als Spitzensportler angestellt sind, steht der Sport im Vordergrund“, unterstützt Frank Ebert, Leiter des Ausbildungsbereiches der HBP, die Sportler. Der Ruderin Stephanie Wagner werden dafür zwei volle Tage fürs Training reserviert, während sie an drei ganzen Tagen im Hanauer Ermittlungsdienst arbeitet. Der Langstreckenschwimmer Alexander Studzinski wird, seinen Fähigkeiten entsprechend, bei der Wasserschutzpolizei eingesetzt. Dies zeigt, wie zahlreich die Perspektiven im Polizeiberuf sind.
Dennoch müssen die Aktiven mitunter gegen Vorurteile kämpfen, weil Kollegen aus den Dienststellen sich nicht vorstellen können, was die Sportler leisten und was ihre Aufgabe innerhalb der Polizei ist. Ein Problem, das die Schwimmerin Annika Mehlhorn derzeit besonders bekämpfen will. Sie ist, wie der Läufer Tilo Ruch, bereits im Streifendienst in Frankfurt tätig.
Vorurteile begegnen ihr dort nicht, dennoch möchte sie mit besonderem Engagement zeigen, wie ernst es ihr mit dem Beruf ist. Wegen der Diplomprüfungen  musste sie das Training bereits vernachlässigen und für Einsätze im Streifendienst hat sie ihr Training auch schon mal verspätet aufgenommen. „Ich muss mir eben auch einen Überblick verschaffen, was es eigentlich heißt, Polizistin zu sein“, sagt sie. Dieses Dilemma lauge sie aber aus und sie müsse dafür eine Lösung finden.
Ariane Friedrich muss sich mit ihrem Einsatz noch etwas gedulden. Wochenlang litt sie beim Hochsprungtraining unter quälenden Rückenschmerzen und muss sich noch davon erholen. Wegen einer Entzündung des Ischiasnervs fühlte sie sich beim Überqueren der Latte wie von Stromschlägen gepeinigt.
Ob es jedem einzelnen gelungen ist, Sport und Beruf zu vereinbaren, wird sich in sechs Monaten weisen. Dann soll erstmals ausgewertet werden, ob der jeweilige Dienst mit dem Spitzensport zu koordinieren ist. Für Arnulf Rücker, den Laufbahnberater des Olympiastützpunktes Hessen, steht aber jetzt schon fest: „Das gesamte Projekt ist ein Meilenstein in meiner Tätigkeit. Der hohe Arbeitsaufwand für die Athleten hat sich gelohnt und wenn ich die glücklichen Absolventen sehe, ist das mehr wert als Geld.“

Yvonne Wagner
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