Landessportbund
Anpfiff: Hinab in die dritte Dimension. Foto: Stefan Look
Das Runde muss ins Runde. Foto: VDST
Deckel drauf: Der „Deckel“ macht den Korb zu, der „Dackel“ wacht davor. Ein Durchkommen ist da schwer. Foto: VDST
Hart, aber fair. Akteure beim Pfungstädter Bierpokal. Foto: Stefan Look

Alte (und neue) Sportarten, die nicht viele kennen – Teil 4: Unterwasserrugby

Die dritte Dimension

Unsere Serie zu weniger bekannten alten und neuen Sportarten in Hessen – jeweils mit etwas Geschichts- und Regelkunde, widmet sich – durchaus passend zu den derzeitigen hochsommerlichen Temperaturen – in dieser Ausgabe einem „atem(be)raubenden“ Mannschaftssport: Unterwasserrugby.

Welchen Spieler man fragt, welche Literatur man auch liest, beim Unterwasserrugby wird stets und sogleich eines unterstrichen: die Dreidimensionalität. Auch von Ralf Nebel, Fachbereichsleiter für Unterwasserrugby im Hessischen Tauchsportverband: „Das Dreidimensionale gibt es in keiner anderen Sportart.“ Ein Unterwasserrugby-Spieler muss eine gute Übersicht haben, schließlich kann ein Angriff auch von oben oder von unten erfolgen.
Bei bis zu sechs Spielern je Mannschaft unter Wasser, meist im Sprungbecken eines Schwimmbads (siehe Regel-Kasten), entsteht vor den Körben, in denen der Spielball abgelegt werden muss, ein großes Gewusel. Es erinnert an einen Kaulquappenschwarm.
20 bis 25 Sekunden bleibt ein Spieler unter Wasser, beim Strafwurf mit seiner 1:1-Situation sogar 45 Sekunden, dann geht es zum Luftholen mit ein paar Flossenschlägen hoch zur Wasseroberfläche. Unterwasserrugby erfordert reichlich Ausdauer und ein gutes Training der Apnoe (Zeitraum zwischen dem Einatmen und dem Ausatmen). Die meisten Akteure kommen vom Tauchsport.
Auch für Späteinsteiger
Als erstes Unterwasserrugby-Spiel wird eine Begegnung 1964 zwischen der DLRG Mülheim an der Ruhr und dem DUC Duisburg angesehen. Eine erste Meisterschaft wurde 1966 in Mülheim ausgetragen. 1973 wurde Unterwasserrugby international eingeführt, 1978 gab es die erste offizielle Europameisterschaft im schwedischen Malmö, 1980 die erste Weltmeisterschaft im „Geburtsort“ Mülheim.
In Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern ist Unterwasserrugby vergleichsweise populär; hierzulande gibt es Bundesligen, zweite Ligen und Landesligen. In Hessen sind der frühere Deutsche Meister (1977) und Bundesliga-aufsteiger Deutscher Unterwasser Club (DUC) Darmstadt, Zweitligist Unterwasser-Sport-Club (USC) Obertshausen, Pulpo Wiesbaden und die FTG Pfungstadt die führenden Vereine. Auch in Gelnhausen und in Gießen wird Unterwasserrugby gespielt.
Ralf Nebel geht von „70 bis 80 aktiven Spielern in den Ligen und rund 300 ‚Just-for-fun-Spielern’ in Hessen“ aus. Der 45-Jährige ist erst mit 33 Jahren zum Unterwasserrugby gestoßen und „relativ weit gekommen“, bis ins Zweitligateam des USC Obertshausen. „Auch für Späteinsteiger ist das also etwas“, sagt er aus eigener Erfahrung.
Männer und Frauen tauchen beim Unterwasserrugby gemeinsam ab. Es gibt keine reine Frauenmannschaft in Hessen, die Frauen-Bundesliga umfasst ohnehin nur wenige Teams. Ebenso fehlen Nachwuchsmannschaften. Neue respektive junge Spieler werden recht schnell in die Ligamannschaften integriert. Es wäre angesichts der Schwimmbad-Situation auch kaum anders machbar.
In der Hallenbad-Saison liegen die Trainingszeiten „nie vor acht bis halb neun Uhr abends“. Ein Ausweichen vom Sprung- ins Schwimmbecken funktioniert nicht – im flachen Becken fehlt die dritte Dimension. Angesichts der begrenzten Möglichkeiten ist es selbstverständlich, dass auch Spieler von der Liga-konkurrenz an den Trainingseinheiten teilnehmen.
Mit Deckel und Dackel
Unter Wasser wird mächtig gezerrt, geschoben und gedrückt. Auf den ersten Blick sieht Unterwasserrugby ziemlich ruppig aus. Doch das sei es gar nicht, meint Nebel. Zwar gebe es hin und wieder blaue Flecken, doch sei die Verletzungsgefahr sehr gering. Auch, weil das Medium Wasser Bewegungen auf natürliche Weise bremst. Deshalb kommen hier Frauen so prima mit Männern klar. Es sind nicht Kraftprotze gefragt, sondern Schnelligkeit, Wendigkeit, Übersicht und faire Härte maßgebend. „Unterwasserrugby ist ein tierischer Teamsport“, findet Ralf Nebel, „niemand kann aus einer Einzelsituation heraus ein Tor erzielen, ein Tor geht nur gemeinsam“.
Auch das wechselseitige Auftauchen will abgestimmt sein. Womit wir bei der speziellen Unterwasserrugby-Taktik angekommen sind. Wo gibt es denn sonst die Variante „Deckel und Dackel“? Als Deckel wird derjenige Spieler bezeichnet, der den Korb mit seinem Rücken „abdichtet“. Er darf allerdings nicht in den Korb greifen, die Schulter hineinstecken oder sich daran festhalten. Und der Dackel? Nun, der liegt natürlich zwecks Verteidigung vor dem Korb. Es gibt Mannschaften, die agieren nur mit einem „Torwart“ und einer Raumverteidigung. Die vor allem höherklassig gespielte „Skandinavische Verteidigung“ sieht hingegen vier Spieler am Tor vor. „Da kriegst du fast keinen Ball rein“, so Nebel.
Glimmstängel kein Thema
Höhepunkt im Jahr für viele hessische Unterwasserrugby-Spieler ist der „Bierpokal“ der FTG Pfungstadt, der seit 1984 jährlich im Freibad der Stadt ausgetragen wird, in diesem Jahr am 21./22. August. Eine Mannschaft aus Göteborg hat wieder ihr Kommen zum größten hessischen Turnier angekündigt.
Beim Bierpokal könnten zwei weitere Besonderheiten des Unterwasserrugbys, selbst des freizeitsportlich betriebenen, begutachtet werden: Erstens gibt es während eines Spiels keine verbalen Auseinandersetzungen, was unter Wasser einfach schwierig ist, und zweitens werden anschließend keine Glimmstängel angesteckt. Taucher rauchen selten. Ralf Nebel: „Wir haben eine Nichtraucherquote von 98 Prozent.“
Oliver Kauer-Berk

Unterwasserrugby – das Wesentliche

Ein runder (!) Ball in Handballgröße ist das Spielgerät. Seine Salzwasserfüllung bewirkt durch die höhere Dichte ein Absinken (etwa 1 Meter/Sekunde). Wäre das Spiel „körperlos“, könnte es ebenso Unterwasser-Basketball heißen, denn es gilt, den Ball im gegnerischen Korb zu platzieren. Der ist 45 Zentimeter hoch, hat einen Durchmesser von 40 Zentimeter und steht am Spielfeldende auf dem Beckenboden.

Unterwasserrugby ist dreidimensional, das Becken soll 3,5 bis 5 Meter tief sowie mindestens 8 Meter breit und 12 Meter lang sein (Ligamaße). Während der zweimal 15 Minuten tragen die Spieler neben ihrer Badebekleidung Taucherbrille, Schnorchel, Flossen und Wasserballkappen.

Von jeder Mannschaft sind immer höchstens sechs Spieler im Wasser und sechs auf der Wechselbank. Die Wechsel erfolgen fließend. Zu Spielbeginn liegt der Ball auf dem Beckenboden. Nach Anpfiff wird getaucht und es beginnt das Gerangel, wonach die Sportart benannt ist. Dabei darf nur der ballführende Spieler angegriffen werden, indes nicht an seiner Ausrüstung. Der Torkorb kann mit dem Körper verbaut werden, das Festhalten daran ist aber unzulässig – genauso wie Schläge, Tritte oder Hebel. Ein Spielleiter und zwei Unterwasser-Schiedsrichter machen sich mit Hupsignalen bemerkbar.

Interessierte finden auf der Internetseite des Hessischen Tauchsportverbands (www.htsv.de) eine Übersicht der Trainingsmöglichkeiten oder schreiben eine E-Mail an uw-rugby@htsv.de. (OKB)

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