Wenn nach Persönlichkeiten gefragt wird, die maßgeblich zur Entwicklung der Turnbewegung beigetragen haben, ist in der Regel mit dem Hinweis auf „Turnvater Jahn“ zu rechnen. Er gilt als Begründer der Turnbewegung. Allerdings sollten dabei die Vorleistungen von Johann Christoph Friedrich GutsMuths berücksichtigt werden, der bereits 1793 mit seinem Buch „Gymnastik für die Jugend“ und 1796 mit dem Werk über „Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und des Geistes für die Jugend“ zwei „Bestseller“ schrieb, die als erste umfassende Lehrbücher für pädagogische Leibesübungen gelten. Bei der Suche nach weiteren „Vätern“ der Turnbewegung darf aber keinesfalls der Hesse Adolf Spieß fehlen.
Spieß, der 1810 als Sohn eines Pfarrers in Lauterbach geboren wurde und dessen Geburtstag sich 2010 zum 200. Mal jährte, studierte in Gießen, Halle und Berlin Theologie, übte sich im Fechten und turnte in den örtlichen Vereinen. Nach seinem Studium wurde Spieß in der Schweiz Lehrer – zunächst in Burgdorf und dann in Basel. Dort hatte er auch Unterricht in Leibesübungen und Gymnastik zu erteilen.
Auf der Grundlage seiner praktischen Erfahrungen entstand in den Jahren 1840 bis 1846 sein vierbändiges Werk „Die Lehre der Turnkunst“. Wenig später folgte dann noch ein „Turnbuch für die Schulen“.
Die Bedeutung von Spieß ist darin zu sehen, dass er das Turnen unterrichtsfähig und unterrichtsverwertbar gemacht hat. 1848 wurde Adolf Spieß deshalb nach Darmstadt berufen und vom Hessischen Minister von Gagern mit dem Aufbau des Schulturnens in den hessischen Schulen beauftragt.
Im Mittelpunkt des von Spieß propagierten Turnens standen Freiübungen bzw. Gemein- oder Ordnungsübungen. Als Freiübungen wurden solche Übungen bezeichnet, die ohne Benutzung von Geräten absolviert werden konnten. Diese Übungen waren deshalb leicht umzusetzen und auch „kostengünstig“, zumal nur wenig Platz gebraucht wurde. Freiübungen ließen sich außerdem zugleich als „Gemeinübungen“ gestalten, die dadurch gekennzeichnet waren, dass sie gemeinsam und gleichzeitig ausgeführt wurden.
Spieß gelang es auf diese Weise, die von GutsMuths bevorzugte individuelle Körpererziehung mit der von Jahn angestrebten Förderung des nationalen Gemeinschaftsgeistes zu verbinden. Damit stellte das Schulturnen nach Spieß eine realistische Alternative zu dem Modell des Jahnschen Turnens dar, das ja auf freiwilliger Basis betrieben wurde. Aus diesen Gründen wurde um 1850 in vielen deutschen Schulen Turnen nach dem System von Adolf Spieß unterrichtet. Deshalb liegt es nahe, ihn als „Vater des Schulturnens“ zu bezeichnen.
Turnen für Mädchen
Spieß hat aber auch erstmals das Mädchenturnen praktisch und theoretisch weiter entwickelt. Dies war keineswegs selbstverständlich, weil das Turnen zunächst nur als eine Form der militärischen Körperertüchtigung für die männliche Jugend betrachtet wurde. Jahn und seine Anhänger wollten deshalb von Mädchen und Frauen auf dem Turnplatz nichts wissen.
GutsMuths hatte dagegen in der zweiten Auflage seiner „Gymnastik für die Jugend“ bereits vorsichtig darauf hingewiesen, dass auch Mädchen Gymnastik betreiben sollten. Anders als Spieß war er allerdings sehr zurückhaltend mit den daraus abzuleitenden Folgerungen. Erst Adolf Spieß ist hier wesentlich weiter gegangen, weil er viele seiner Übungen als für Mädchen und Jungen gleichermaßen geeignet betrachtete.
Trotzdem betonte selbst er grundsätzliche Unterschiede zwischen dem Turnen der Jungen und dem Turnen der Mädchen. Sie betrafen nicht nur das Ausmaß und die Inhalte, sondern auch die Ziele und die Umsetzung der Übungen. Gleichwohl kann Adolf Spieß durchaus als „Turnvater der Mädchen“ charakterisiert werden.
Peter Schermer