Das Landesprogramm „Talentsuche-Talentförderung“ besteht in Hessen bereits seit Anfang der 90er Jahre. Alt und verstaubt könnte man annehmen, das Gegenteil ist der Fall. Das Programm wird aktiv von den beteiligten Schulen und Verbänden gelebt und ist im komplexen Sys-tem des langfristigen Leistungsaufbaus sportlich talentierter Kinder und Jugendlicher nicht mehr wegzudenken. In einer Serie stellen wir in den kommenden Magazin-Ausgaben von Sport in Hessen das Landesprogramm „Talentsuche-Talentförderung“ vor und zeigen an Beispielen, wie es vor Ort umgesetzt wird.
Bereits 1997 – mit der Einrichtung der ersten Lehrer-Trainer-Stellen in der Sportart Fußball – wurde ein entscheidender Schritt zur Weiterentwicklung des Basisprogramms eingeleitet. Heute können 16 Verbände auf Lehrer-Trainer zurückgreifen. Mit diesen vom Kultusministerium eingerichteten Stellen können die Verbände die Talentförderung an den besonders wichtigen Standorten in Hessen in einem sonst nicht leistbaren Umfang und einer hohen Qualität vorantreiben.
Durch die Doppelfunktion der Lehrer-Trainer, die keine Trainer für Lehrer, sondern in den beiden Arbeitsfeldern „Training und Unterricht“ zu Hause sind, kann die Talentförderung unter anderem durch die Einrichtung von schulischen Leistungsgruppen intensiviert werden. Im Zuge dieser Entwicklung wurden inzwischen an den Partnerschulen des Leistungssports fast landesweit so genannte Sportklassen eingerichtet, die wiederum den Leistungssportlern besondere Bedingungen bieten, um die duale Karriere zu meistern.
Das Landesprogramm ist ein Kooperationsprogramm des Hessischen Kultusministeriums (HKM) und des Landessportbundes Hessen (lsb h) mit seinen Landesfachverbänden. Es soll dazu beitragen den Einstieg in leistungssportliches Training für Kinder und Jugendliche human und pädagogisch verantwortungsbewusst zu gestalten. Dies bedeutet, eine einseitige und zu frühe Spezialisierung zu vermeiden und stattdessen einen langfristigen, auf sportliche Talententwicklung ausgerichteten Trainingsprozess sicher zu stellen.
Für die Verbände und Vereine im Konkurrenzkampf um die sportlich begabten Kinder eine nicht leicht umzusetzende Grundeinstellung. Doch die hohen Dropout-Raten der vergangenen Jahre und die leistungssportliche Entwicklung der letzten Jahre steigert den Wert eines vielseitigen Einstiegs in eine leistungssportliche Karriere.
Schulsportzentren
Die Umsetzung des Landesprogramms erfolgt in 27 Schulsportzentren, die hessenweit auf die Landkreise verteilt sind. Das Schulsportzentrum ist ein System kooperierender Schulen unterschiedlicher Bildungsgänge.
An den kooperierenden Grundschulen sind die Talentaufbaugruppen (TAG) mit dem Schwerpunkt der sportartübergreifenden Grundausbildung eingerichtet. Hier werden gesichtete Talente der 1./2. Klasse und der 3./4. Klasse mit speziell konzipierten Trainingsmodellen aus dem Handbuch „Vielseitige, sportartübergreifende Grundausbildung“ zusätzlich zum Vereinstraining unter der Federführung der Schule ausgebildet.
Dem Einstieg in die sportartspezifische Talentförderung wird somit ein gutes Fundament gelegt. Von Anfang an wird eine enge Kooperation mit örtlichen Vereinen angestrebt, die sich auf dem Feld einer kindgerechten Nachwuchsarbeit engagieren. Die Verzahnung der schulischen und der vereinsgebundenen Trainingsmaßnahmen sind notwendig und immer wieder mit Hospitationen oder Schnupperangeboten aktiv zu gestalten.
Die ersten sportartspezifischen Inhalte des Grundlagentrainings werden im Rahmen des Landesprogramms in den sportartspezifischen Talentfördergruppen (TFG) der 5./6. Klasse vermittelt. Um den Übergang von TAG in TFG und den Schulwechsel optimal zu gewährleisten, dürfen TAG-Kinder bereits mit Beginn des vierten Schuljahres an der TFG teilnehmen. Diese Öffnung unterstützt den fließenden Übergang zwischen den Förderstufen.
Grundlage für die Arbeit in den TFGs sind die Rahmentrainingspläne der Landesfachverbände. Je spezifischer die Trainingsinhalte werden, desto geringer sind die schulischen Anteile an der weiterführenden sportlichen Förderung.
Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die sportartgerichtete Ausbildung zunächst zwar noch schulisch zu verankern, gleichzeitig aber die Weiterführung durch die dafür ausgebildeten Trainerinnen und Trainer in den Vereinen und Landesfachverbänden sicherzustellen. Die Partnerschulen des Leistungssports, die über Lehrer-Trainer-Stellen verfügen, unterstützen parallel zum Vereins- und Landesfachverbandstraining durch ergänzende Spezialtrainingsmaßnahmen in Leistungsgruppen bis in die 10. Klasse hinein die spezifische Förderung.
Hessenweit sind an den Schulsportzentren über 600 Talentaufbau-, Talentfördergruppen und Leistungsgruppen eingerichtet, die durch den „Verein zur Förderung sportlicher Talente in den hessischen Schulen e.V.“ koordiniert werden.
E-Kader-Förderung
Der aus den Mitteln des Landessportbundes Hessen geförderte E-Kader ist Teil des Fördersystems des Landesprogramms und stellt die erste Stufe dar, in der die Talente zusätzlich zu dem Vereinstraining in regionalen Trainingsmaßnahmen des Landesfachverbandes gefördert werden. Diese Fördereinrichtung ist eine hessische Besonderheit.
Bevor die jungen Talente zu zentralen Kadermaßnahmen (D-Kader) der Landesfachverbände geladen werden, haben sie durch den E-Kader die Möglichkeit, das regelmäßige und qualifizierte Trainingsangebot in einer homogenen Trainingsgruppe Wohnort nah zu nutzen. Im E-Kader trainieren zurzeit 1.600 hoffnungsvolle Nachwuchssportlerinnen und -sportler.
Partnerschulen
In jedem Schulsportzentrum gibt es eine durch das Hessische Kultusministerium zertifizierte Partnerschule des Leistungssports. An diesen Partnerschulen bündeln sich in den gezielt eingerichteten Sportklassen die sportlich talentierten Schülerinnen und Schüler.
Sportklassen stellen ein professionelles Unterstützungssystem dar, das vorrangig allen geeigneten Schülerinnen und Schülern im Einzugsbereich unter Zugrundelegung bestimmter Aufnahme- und Auswahlkriterien offen steht. Teilweise lassen sich in diesen Sportklassen besondere Einrichtungen wie z.B. eine Ballsportklasse realisieren oder vormittags auch Zeitfenster für Kleingruppentraining einrichten.
Die Partnerschule des Leistungssports sichert die pädagogische Unterstützung von Kindern und Jugendlichen, die eine qualifizierte schulische Ausbildung und leistungssportliches Training miteinander verbinden wollen. Dazu sind im Schulprogramm pädagogische Unterstützungsmaßnahmen, wie z.B. Rücksichtnahme bei der Vergabe von Hausaufgaben im Hinblick auf Sportverpflichtungen am Wochenende oder die Einrichtung von Tagesbetreuungsangeboten (Mittagstisch, Hausaufgabenbetreuung) etc. verankert. Bei schulischen Defiziten (z.B. bedingt durch Trainings- und Wettkampfbelastungen) können spezifische Stütz- und Förderunterrichtsangebote vorgehalten werden.
Die in das Landesprogramm eingebundenen Sportarten und ihre Verbände sind zum Teil von Beginn an dabei. Die Kooperation gründete sich mit den in „Jugend trainiert für Olympia“ verwurzelten Schulsportarten. In den vergangenen zwei Jahren konnten zwei neue Sportarten in das Landesprogramm aufgenommen werden, so dass inzwischen 23 Sportarten im Landesprogramm gefördert werden.
Um die im Überblick dargestellten Eckpfeiler des Landesprogramms inhaltlich zu vertiefen, empfehlen wir die Broschüre des Landesprogramms „Talentsuche-Talentförderung“ oder ein Blick auf die Internet-Seite des Landessportbundes Hessen (www.landessportbund-hessen.de) unter „Leistungssport/Nachwuchsförderung/Landesprogramm Talentsuche-Talentförderung“.
Die bestehenden Strukturen des Landesprogramms kann man auf der Internet-Seite des Vereins zur Förderung sportlicher Talente in den hessischen Schulen e.V. (www.talentfoerderung-in-hessen.de) einsehen.
Martina Hoßfeld