Unsere Serie zu weniger bekannten alten und neuen Sportarten in Hessen – jeweils mit etwas Geschichts- und Regelkunde, setzen wir in dieser Ausgabe mit der Vorstellung eines linguistisch leicht zu verwechselnden, aber einzigartig „borstigen“ Hallensports fort: dem Bosseln.
Bloß nicht in der Mitte ein scharfes S verwenden! Sonst wird aus dem Bosseln noch der Kugelweitwurf Boßeln, den die Ostfriesen so gerne machen. Und gebosselt wird auch nicht auf der Landstraße, sondern drinnen, in der Sporthalle.
Mit Boßeln hat das Bosseln ungefähr so viel gemein wie Fußball mit Bogenschießen. Passender ist, das Bosseln mit dem Eisstockschießen zu vergleichen. Wobei beim Bosseln der Stock auf der Unterseite bürstenbewehrt ist. So gleitet die „Bossel“ auf ihren Borsten über den Hallenboden und am Ende möglichst nahe ans Ziel. Jenes wird Daube genannt und ist ein (beweglicher) Holzklotz. Die Bossel schieben, sagen die Protagonisten zu alldem.
Der Name „Bosseln“ stammt aus dem Altdeutschen. Er soll sowohl werfen, stoßen, schießen, kegeln als auch das Arbeiten mit Präzision bedeuten. Erfunden worden sein soll das Spiel Mitte der 1950er Jahre in Berlin. Verbürgt ist, dass es 1959 in Wuppertal den Sportwarten der Arbeitsgemeinschaft Versehrtensport in Nordrhein-Westfalen vorgestellt worden ist. Bis heute ist das Bosseln eine Sportart für den Bereich des Behinderten- und Rehabilitationssports geblieben.
Präzision und Taktik
Das koordinative Moment, also das notwendige Geschick, die Bossel möglichst nahe an der Daube zu platzieren, hat vor einigen Jahren auch Rüdiger Pfennig begeistert. Heute ist der 68-Jährige aus Kelsterbach Fachwart für Bosseln im Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband.
Im Sportkreis Groß-Gerau und darüber hinaus ist Pfennig weniger als Bosselspieler bekannt, eher als Ehrenvorsitzender des Ball-Spiel-Clubs Kelsterbach, dessen erster Vorsitzender er 16 Jahre lang war. Oder man kennt ihn als Badmintonspieler, 2009 Hessenmeister in der Altersklasse der über 65-Jährigen.
Früher spielte Pfennig auch Bowling, ehe er als stellvertretender Vorsitzender des Kelsterbacher Vereinsrings eines Tages die Bosselspieler besuchte und dachte: „Was ist denn das?“ Der Neugier folgte die Begeisterung. Pfennig faszinieren am Bosseln vor allem „die Präzision und das Taktieren“. Und Bosseln sei ein prima Ausgleich zum dynamischen Spiel im Badminton. Bosseln betreibt Pfennig im Verein Bewegung, Sport und Gesundheit (BSG) Kelsterbach.
Der Fachwart ist ein Anhänger des Bosselns für Jedermann und -frau. Sportorganisatorisch gehört Bosseln weiter zum Bereich des Behinderten- und Rehabilitationssports. Wer an einer offiziellen Deutschen Meisterschaft teilnehmen will, benötigt deshalb sogenannte Handicap-Punkte, muss also eine Behinderung vorweisen können.
„Man sollte aber die Nicht-Behinderten nicht ausschließen“, findet Pfennig. Integration funktioniere nicht nur in eine Richtung. Seit einigen Jahren benennen sich landauf, landab Vereine um. Die drei Buchstaben BSG standen in Kelsterbach vor etwas mehr als anderthalb Jahren noch für „Behinderten-Sportgemeinschaft“. Nun setzen neue Namen Zeichen, die Klubs wollen sich öffnen. „Bosseln könnte jeder“, sagt Pfennig.
Meist Ü60
Gebosselt wird in Orten in ganz Hessen, derzeit in 35 Vereinen. Rund 400 Menschen gehen zwischen Kassel und Bensheim diesem Sport nach. Regionale Schwerpunkte liegen in den Bezirken Mittelhessen (elf Vereine), Bergstraße und Fulda (je sechs Vereine).
Jeder der insgesamt neun Bezirke sowie der Ausrichter erhält einen Startplatz bei den jährlichen Hessenmeisterschaften der Frauen und Männer. In diesem Jahr starteten Ende Juni in Kelsterbach die Bosseler der BRSG Bürstadt, TSV Friedberg-Fauerbach, FVSG Fulda, VSG Gorxheimertal, SGR Grünberg, VSG Heusenstamm, BSG Kelsterbach, VBSG Pfungstadt, VSG Schlüchtern und VBSG Zwingenberg. Männer-Sieger Pfungstadt belegte im Vorjahr bei der Deutschen Meisterschaft Rang sechs.
Die meisten Bosselfreunde sind älter als 60 Jahre. Nicht selten machen über 80-Jährige mit. Pfennig indes möchte „für die Zukunft den Bosselsport so interessant gestalten, dass wir in unserer Altersstruktur runterkommen“.
Dies könne etwa durch die Öffnung für Nicht-Behinderte geschehen. Bei Hessenmeisterschaften gibt es bereits „nicht punktgerechte“ Wettbewerbe. Die Formulierung bedeutet, dass die Handicap-Punkte der drei Spieler einer Mannschaft zusammengenommen nicht fünf ergeben müssen, wie es das Reglement im Behindertensport ansonsten vorgibt.
Turnier für Jedermann
Neue und jüngere Mitglieder zu gewinnen gedenken die Bosselspieler ebenso durch offene Turniere. Etwa veranstaltet die BSG Kelsterbach auch dieses Jahr am Sonntag, 29. August, in der Mehrzweckhalle Süd ihr „Turnier für Jedermann“. Dafür melden etwa Mannschaften vom Bäcker um die Ecke bis zum lokalen Tierschutzverein. Die Teilnahme weiterer Teams zu je drei bis fünf Personen ist noch möglich (Meldung über Rüdiger Pfennig per E-Mail, siehe Kasten).
Mitzubringen sind fürs Bosseln nur Hallenschuhe, die Spielgeräte stellt der Verein. „Beim Jedermann-Turnier zeigen wir eine halbe Stunde, wie’s funktioniert, dann treten die Mannschaften gegeneinander an. Das ist jedes Mal eine große Gaudi“, berichtet Pfennig. Spaß, der sich auswirkt: In Kelsterbach greifen inzwischen auch Menschen in den Vierzigern zur Bossel. „Man muss nur etwas tun“, glaubt Pfennig, und auch bei den Trainingsterminen flexibel sein. „Nachmittagstermine können Rentner wahrnehmen, aber wer sonst?“
Inzwischen bieten die Kelsterbacher Bosselspieler in der Woche drei Trainingseinheiten an. „Gut Schub!“, rufen sie sich auch dienstags von 20 bis 22 Uhr zu. Oliver Kauer-Berk
Bosseln – das Wesentliche
Beim Bosseln treten zwei Mannschaften mit je drei Sportlern und einem zusätzlichen Mannschaftsführer gegeneinander an. Ihr Spielgerät ist die „Bossel“, ein halbkugeliges Buchenholz mit Stiel, 28 Zentimeter Durchmesser und untendrunter einer Bürste, auf der dieser 4,65 Kilogramm schwere „Schiebestock“ über den Boden rutscht. Abwechselnd gilt es, die Bosseln über die 12 Meter lange Wurfbahn (Frauen 10 Meter) möglichst nahe an die im 4 Meter langen Zielfeld liegende Holzdaube heranzubringen.
Die Regeln ähneln dem Boule-Spiel. Es ist erlaubt, die gegnerischen Bosseln aus dem Zielfeld zu stoßen oder die Daube in eine für den Gegner ungünstige Stellung zu bringen. Nach einem Durchgang – jeder Spieler schiebt einmal – erhalten alle Bosseln im Zielfeld je einen Wurfpunkt. Die Bossel, die der Daube am nächsten steht, bekommt einen Extrapunkt. Das Spiel gewinnt die Mannschaft, die in sechs Durchgängen die meisten Punkte erzielt.
Wer sich fürs Bosseln interessiert, findet nähere Informationen und Vereinskontakte auf der Internetseite des Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbands (www.hbrs.de) oder wendet sich an Fachwart Rüdiger Pfennig (E-Mail: Pfennig-Ruediger@t-online.de). OKB