Landessportbund
Der Ball ist im Spiel, wenn Stadionpfarrer Eugen Eckert (r.) den kleinen Kirchgängern die Kapelle im Bauch des Frankfurter Fußballstadions zeigt. Fotos: Friederike Schaab
Pfarrer Eugen Eckert fungiert seit 2007 auch als „Stadionpfarrer“ in Frankfurt. Der ehemalige aktive Fußballer hat seither im Stadion neben zwei Hochzeiten schon 22 Taufen abgehalten.
Gottesdienste bei sportlichen Großveranstaltungen, wie hier beim Deutschen Turnfest 2009 in Frankfurt, ziehen immer viele Menschen an.
Ralf-Rainer Klatt, Vizepräsident des lsb h, vertritt den Landessportbund Hessen im Arbeitskreis „Kirche und Sport“ . Foto: lsb h

Kirche und Sport: Welche Verbindung haben diese beiden gesellschaftlichen Kräfte?

Den Menschen Gemeinschaft und Heimat geben

Was verbindet Kirche und Sport? Im Bewusstsein der meisten Menschen haben diese zwei großen Bereiche unserer Gesellschaft auf den ersten Blick nicht unbedingt miteinander zu tun. Bei Großveranstaltungen wie dem Deutschen Turnfest oder aber auch bei Jubiläumsveranstaltungen von Vereinen ist ein Gottesdienst oft Bestandteil des Programms. Relikt aus vergangenen Tagen oder gibt es da eine tiefere Verbindung dieser zwei scheinbar für sich stehenden gesellschaftlichen Kräfte?

Sicherlich werden beide Bereiche von vielen Menschen als sinnstiftend wahrgenommen, es tun sich sogar Gemeinsamkeiten in Bezug auf Organisation, Rituale und Feste auf, gemeinsame Handlungsfelder jedoch erschließen sich dem Betrachter nicht sofort. Trotzdem gibt es Überschneidungen, was das Ausüben dieser zwei zentralen menschlichen Bedürfnisse, des Glauben und des Drangs nach und der Freude an der Bewegung angeht.
Religion und Sport sind beide sowohl persönliches Erleben als auch Massenbewegung, sie haben ihre Rituale und Feste, sie haben kultischen Charakter und folgen eigenen festen Regeln und ihre Ursprünge reichen zurück zu den Anfängen unserer Zivilisation.
In den Ursprüngen werden Leib und Seele als Einheit gedacht und man trennte nicht zwischen Religion und Körperlichkeit. „Im Alten Testament wird der Mensch als von Gott geschaffenes Geschöpf verstanden, als Wesen nach Gottes Ebenbild geschaffen, mit einer Fülle von Begabungen ausgestattet“, erklärt Pfarrer Eugen Eckert, Mitglied des Arbeitskreises „Kirche und Sport“ der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). „Und eine dieser Begabungen ist die Fähigkeit zur Bewegung. Für seinen Körper trägt der religiöse Mensch also Verantwortung“, sagt Eugen Eckert.
Die Ursprünge unserer sportlichen Traditionen liegen im antiken Griechenland. Sportlicher Wettstreit war eingebunden in religiöse Feste und ist uns überliefert als Bestandteil eines religiösen Festes zur Verehrung des Göttervaters Zeus, dessen Kult in Olympia ein wichtiges Zentrum hatte.
So haben die Ausübung von Religion und Sport bis heute vieles gemeinsam. In beiden Bereichen gibt es ritualisierte Handlungen, ethische Grundsätze des Zusammenagierens, gemeinschaftliches Erleben, sinnstiftende Erlebnisse oder auch Grenzerfahrungen menschlicher Existenz. Religion und Sport bieten sowohl Alternativen zum Alltag in klar abgegrenzten Bereichen als auch  Möglichkeiten, das Leben zu strukturieren und zu bewältigen. In Sport und Spiel kann sich der Mensch innerhalb befristeter Zeiträume und fester Regeln ausprobieren und seine Erfahrungen in das umfassendere Leben mitnehmen.
Auch deshalb bemüht sich die Kirche heute dorthin zu gehen, wo die Menschen sind – in den Gemeinden gibt es Sportangebote, vor großen Sportveranstaltungen finden Gottesdienste statt. Repräsentanten von Kirchen und Sport arbeiten zusammen, nicht nur bei Großprojekten wie einer Fußballweltmeisterschaft oder dem Frankfurt Marathon.
Bereits gegen Ende des vorhergehenden Jahrhunderts trugen kirchliche Initiativen dazu bei, dass heute große Sportvereine entstanden. Manche von ihnen tragen im Vereinsnamen noch ihr Gründungsjahr, wie zum Beispiel 1899 Hoffenheim oder Schalke 04. Auch die Frankfurter Eintracht wurde im Jahr 1899 gegründet.
Diese Vereine entstanden in der Folge der Industrialisierung und dem Zuzug besonders junger Menschen vom Land in die großen Städte. Sie hatten ihre Wurzeln in der Turnerbewegung wie auch in dem Bestreben, den vielen vereinzelten Menschen in beengtem Wohnraum und in einer fremden sozialen Umgebung körperliche Ertüchtigung wie auch Gemeinschaft und Heimat zu geben. Und dann konnten sportliche und kirchliche Ambitionen schon damals zusammenfallen. Der Herbstmeister der Fußballbundesliga 2010 „Borussia Dortmund“ beispielsweise war 1909 aus der Jugendgruppe der katholischen Dreifaltigkeitsgemeinde hervorgegangen.
Als sich die Vereine in Deutschland nach dem Krieg neu gründeten, waren oft die Pfarrer der jeweiligen Gemeinde daran beteiligt. Und Sportpfarrer begleiten bis in die Gegenwart etwa die deutsche Nationalmannschaft zu Fußballweltmeisterschaften oder zu Olympischen Spielen.
Partner der Politik
Kirche und Sport sind als gesellschaftliche Kräfte wesentliche Partner für die Politik, wenn es darum geht, große gesellschaftliche Ziele wie Integration zu erreichen oder den mit gesellschaftlichen Veränderungen wie dem demografischen Wandel einhergehenden Problemen entgegen zu wirken. Sowohl die Kirchengemeinden als auch die Sportvereine können in ihren Kinder- und Jugendgruppen abseits der Schulen und Kindergärten die Werte unserer abendländisch geprägten Gesellschaft an die junge Generation weitergeben. Für Senioren bilden Gymnastik und Bewegungstherapie wichtige Maßnahmen zur ganzheitlichen Gesunderhaltung und möglichst lebenslanger Selbständigkeit. Sportliche Aktivitäten wie auch die Ansprache älterer Menschen in Gemeindezentren wirken der Vereinsamung alleinstehender Menschen entgegen.
Auch wenn es um die Bewältigung von akuten gesellschaftlichen Problemen wie etwa der Kindeswohlgefährdung oder der Kinderarmut geht, sitzen Vertreter von Kirchen und Sportverbänden gemeinsam an einem Tisch.
Arbeitskreis Kirche und Sport
Erleichtert wird diese Zusammenarbeit durch die ähnliche Organisation beider Institutionen, erklärt Ralf-Rainer Klatt, Vizepräsident im Landessportbund Hessen (lsb h). „Sport und Kirche haben in Deutschland grundsätzlich die gleichen Strukturen. Da gibt es die Sportvereine und Kirchengemeinden, die Sportkreise oder Stadtsportbünde und Kirchenkreise oder Dekanate einerseits. Darüber stehen in ähnlichen Strukturen in den Kirchen und im Sport Regional- und Landesverbände und die Propsteien. Man weiß also, wen man ansprechen kann, wenn es um die Umsetzung konkreter Projekte geht.“
Ralf-Rainer Klatt ist einer von drei Vertretern des Landessportbundes Hessen im Arbeitskreis „Kirche und Sport“ auf Landesebene. In diesem Gremium treffen sich regelmäßig im Frühjahr und im Herbst Vertreter der beiden christlichen Kirchen in Hessen, des organisierten Sports und der hessischen Ministerien der Justiz und für Integration und Europa, für Kultur, für Soziales und des
Innern und für Sport. Schon an der Zusammensetzung des Arbeitskreises kann man ersehen, welche politischen Institutionen auf Kirchen und Sport zukommen, wenn es um die konkrete Umsetzung gesellschaftlicher, sozialer oder ökologischer Ziele in der täglichen Arbeit der Sportvereine und der Gemeindegruppen geht.
Christliche Sportvereine
Darüber hinaus gibt es auch ganz direkte Überschneidungen: In den Sportbünden gibt es Mitgliedsorganisationen mit besonderer Aufgabenstellung, das sind solche Verbände die keine Fachsportart vertreten, deren Tätigkeiten jedoch weitgehend im sportlichen Bereich liegen und die über Untergliederungen verfügen – zum Beispiel christliche Sportvereine, die in der evangelischen Kirche unter dem Dach der Christlichen Vereinigung Junger Menschen (CVJM) und in der katholischen Kirche in der Deutschen Jugendkraft (DJK) zusammengeschlossen sind.
Kirche im Stadion
In aller Regel sind die Örtlichkeiten von Kirche und Sport getrennt. Doch auch auf diesem Feld gibt es heute Annäherungen: So entschied man sich beim Umbau des Frankfurter Waldstadions zur WM-Arena für die Einrichtung einer ökumenischen Kapelle unter der Haupttribüne. Nach Gelsenkirchen und Berlin wurde die Commerzbank-Arena zum dritten Fußballstadion in Deutschland, das, wie viele große Stadien im Ausland auch, einen kleinen Kirchenraum erhielt. Am 18. Januar 2007 wurde die von dem Stuttgarter Kunstprofessor Werner Pokorny gestaltete Kapelle eingeweiht.
Seither lädt Stadionpfarrer Eugen Eckert jeweils 90 Minuten vor Länderspielen, Konzerten oder anderen Großveranstaltungen zur Andacht in die Stadionkapelle ein. Er ist geistlicher Ansprechpartner für alle Belange der Sportler, Mitarbeiter und Fans und als ehemaliger aktiver Fußballspieler von FSV Frankfurt mit der Szene bestens vertraut.
So suchen gläubige Spieler Pfarrer Eckert in seiner Kapelle auf. Aber auch engagierte Fans, die dem Sport und ganz besonders der Frankfurter Eintracht in ihrem Leben einen besonderen Stellenwert einräumen, können dort besondere Feste begehen. Zwei Hochzeiten und 22 Taufen hat Eugen Eckert schon in der Stadionkapelle abgehalten.
Gemeinsamer Höhepunkt für die Aktivitäten des Arbeitskreises „Kirche und Sport“ in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) in diesem Jahr ist die Frauen-Fußballweltmeisterschaft. Zum Auftakt wird es am Pfingstmontag, dem 13. Juni, um 11.00 Uhr auf dem Frankfurter Römerberg einen ökumenischen OpenAir-Gottesdienst in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und dem Hessischen Fußball-Verband (HFV) geben, der liturgisch auch von einer Jugend-Damenmannschaft des Leistungsstützpunkts Hanau-Gelnhausen mit gestaltet wird. Die Predigt halten „im Doppelpass“ Steffi Jones, die OK-Präsidentin der Frauen-WM, und der evangelische Kirchenpräsident Dr. Volker Jung.
Und vor allen vier Frankfurter WM-Spielen lädt Stadionpfarrer Eugen Eckert natürlich auch wieder zur Andacht in die Stadionkapelle ein.

Claudia Wabnitz
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