Landessportbund
Volle Konzentration: im Winter trainieren die Teilnehmer in einer Traglufthalle. Alle Fotos: Oliver Kauer-Berk
Gleich kommt eine harte Vorhand.
Die Initiatorinnen vom TV Hausen: Tennis-Jugendwartin Christiane Schmitt-Kaliga (links) und die Abteilungsvorsitzende Silvia Johannisson.
Ahmed Karabulut zeigt die richtige Schlägerhaltung.
Haben Spaß beim sportlichen Treiben – Trainer Ahmed Karabulut (rechts) und seine Schützlinge.

Der TV Hausen bietet Tennis für geistig behinderte Menschen an

Rückhand für alle

Beim TV Hausen können Menschen mit einem geistigen Handicap eine für sie ungewöhnliche Sportart erlernen: Tennis. Ziel im Obertshausener Stadtteil ist ein integratives Vereinsangebot.

Dass er gleich jede Menge Spaß haben wird, sieht man Rolf nicht an. Mit richtig griesgrämiger Miene betritt der Mann den Sandplatz. „Rolf schaut immer so“, sagt Christiane Schmitt-Kaliga und fügt an: „Später werden Sie seine Begeisterung noch sehen.“
Es ist ein Samstagmorgen, Tennistraining im Obertshausener Stadtteil Hausen, unter dem Dach einer Traglufthalle. Im Winter wird das mobile Dach vom TV Hausen über zwei der Tennisplätze gezogen. Kinder sagen, sie fühlten sich darin wie im Raumschiff. Von außen erinnert das Gebilde an die Fußballarena in München. Drahtseile halten die schützende Plane, ihre Anordnung lässt lauter Rauten entstehen.
Rolf und seine beiden heutigen Mitstreiterinnen haben ein geistiges Handicap. Dass Menschen mit einem Down-Syndrom oder anderen Einschränkungen hier seit über einem Jahr Tennis spielen, ist die Idee von Christiane Schmitt-Kaliga, Tennis-Jugendwartin im TV Hausen. „Wir wollten so etwas schon lange machen“, schildert sie, „Menschen mit einem geistigen Handicap die Teilnahme an den Angeboten der Sportvereine zu ermöglichen.“ Doch erst als sie Maren Stahlberg kennen lernte, kam Bewegung in das Vorhaben.
Stahlberg arbeitet einerseits für den Wohnverbund der Behindertenhilfe und engagiert sich andererseits beim benachbarten Budo-Club Mühlheim, einem der federführenden Vereine Deutschlands, wenn es um Judo und Sport für Menschen mit einer geistigen Behinderung geht.
Kooperation mit Wohnverbund
Aus dem Wohnverbund kommen nun die Teilnehmer der samstäglichen Tennisstunde in Hausen. Christiane Schmitt-Kaliga schaut dann fast immer zu. „Das ist etwas ganz Besonderes. Es sind Menschen, die etwas anders sind, aber so begeisterungsfähig. Das Zuschauen gibt mir etwas“, stellt sie fest.
Auch die Abteilungsvorsitzende Silvia Johannisson kommt regelmäßig vorbei. „Im Verein sind wir sehr stolz auf dieses Projekt und auf die Ehrungen, die wir dafür erhalten haben“, sagt sie.
Für alle Interessenten offen
Das Tennisangebot des Vereins ist auch für Interessenten offen, die nicht aus dem Wohnverbund kommen. Die Hausener Tennisfreunde möchten ihr Vorzeigeprojekt erweitern. Im nächsten Schritt suchen sie für jeden Teilnehmer einen Spielpaten, um die Betreuung zu unterstützen und langfristig die Trainerkosten zu senken. Und eine gemeinsame Gruppe mit nichtbehinderten Jugendlichen des Vereins könnte den integrativen Gedanken befördern. Zudem böte dies eine Erleichterung für die hauptamtlichen Trainer, die bisher auf einen Großteil des üblichen Honorars verzichteten. Auch die Halle wird von der privaten Betreibergesellschaft kostenfrei gestellt.
An diesem Samstag leitet Tennislehrer Ahmed Karabulut Rolf und seine beiden Kolleginnen an. Heute sind weniger als sonst mit dem Kleinbus des Wohnverbunds gekommen, meist hat es Ahmed Karabulut mit sieben Teilnehmern zu tun. Er macht keine große Sache aus dem Training mit Behinderten: „Klar ist das etwas Neues, eine neue Herausforderung.“ Aber eigentlich gestalte er das Training nicht wesentlich anders als für Nichtbehinderte auch. „Ganz klare Kommandos sind wichtig“, führt er aus, „und manchmal ist auch etwas Strenge notwendig – genauso wie bei den anderen Jungs, mit denen ich hier arbeite.“
Gegen den Bewegungsmangel
Immer wieder gelingen den Dreien tolle Schläge: hier eine Topspin-Vorhand, dort eine beidhändige Rückhand. „Man merkt, dass einige Teilnehmer der Gruppe schon Erfahrung mit anderen Ballsportarten mitbringen“, erklärt Trainer Karabulut. Und man merkt: Rolf und Co. kommen gern zu seinen Stunden. Sie tun ihnen einfach gut und sind obendrein gesund. Neben der Partizipation am gesellschaftlichen Leben gleicht das Training den Bewegungsmangel aus und fördert gezielt motorische, kognitive und koordinative Fähigkeiten. Um die sichtbaren Fortschritte auszubauen, benötigen die aktuellen Projektteilnehmer nach Einschätzung von Christiane Schmitt-Kaliga noch mindestens zwei Jahre lang eine regelmäßige Betreuung durch einen ausgebildeten Trainer.
Gegen Ende der Trainingseinheit schaut Sportwart Wolfgang Schad vorbei. „Die haben sich wirklich gemacht“, staunt der fachkundige Vereinsfunktionär. Als Rolf eine Rückhand schlägt, applaudiert er kräftig und ruft: „Toll Rolf!“ Rolf schaut und lacht.
Oliver Kauer-Berk

Der Verein und der Preis
Der Turnverein Hausen ist einer der mitgliederstärksten Sportvereine der Stadt Obertshausen (Landkreis Offenbach), der aktuell rund 1.000 Mitglieder hat. Hauptabteilungen sind Turnen, Fußball, Tennis und Tanzsport. Die Tennisabteilung hat rund 250 Mitglieder. Ihre Anlage am Vereinsheim in der Rodaustraße verfügt über sechs Sandplätze. Im Winter wird über zwei Plätzen eine Traglufthalle aufgezogen. Für sein Projekt „Tennis für geistig behinderte Menschen“ erhielt der TV Hausen im Jahr 2011 den mit 2.000 Euro dotierten Sonderpreis beim ODDSET-Zukunftspreis des hessischen Sports. (OKB)

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