2011 stand im Zeichen des Gedenkens an die 200jährige Wiederkehr der Eröffnung des Turnplatzes in der Hasenheide. Dies war auch Anlass, im Rahmen von „Sport in Hessen“ exemplarisch auf den Beginn des Turnens in Hessen einzugehen. Den Anfang machte ein Beitrag über die frühe Turnentwicklung in Darmstadt, der in der Nummer 16/2011 von „Sport in Hessen“ erschienen ist. In dieser Ausgabe stellt Claudia Schüßler, Archivarin beim Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt, die Entwicklung des Turnens in der „Freien Stadt Frankfurt“ vor.
Die Geschichte des Turnens in Frankfurt am Main begann 1804, weil seitdem an der Musterschule Gymnastik nach dem System des Turnpädagogen Johann Christoph Friedrich Guts-Muths unterrichtet wurde. Turnunterricht an allen Frankfurter Schulen gab es zu dieser Zeit allerdings noch nicht. Ein Besuch Friedrich Ludwig Jahns 1814 in Frankfurt brachte dann weitere Impulse für die Entwicklung des Turnens in Frankfurt.
Im Lehrplan des Frankfurter Waisenhauses fand sich schon 1815 ein Hinweis auf Schwimmunterricht und gymnastische Übungen. Im Lehrplan des Jahres 1820 wurde erstmals die Bezeichnung „Turnübungen“ verwendet. Nach Jahns Besuch begannen auch Schüler des Frank-furter Gymnasiums (heute: Lessing-Gymnasium) mit dem Turnen und setzten es mit Unterbrechungen auf wechselnden Übungsplätzen fort. Um 1830 wurde von den Gymnasiasten der erste, durch eine Chronik belegbare, Turnverein unter dem Namen „Clässer“ gegründet.
1833 folgte Friedrich August Ravenstein (1809–1881), der als Frankfurter Turnvater gilt, mit der Frankfurter Turngemeinde. Hier begannen auch erwachsene Männer zu turnen, so dass die Mitgliederzahl rasch wuchs.
Etwas später löste sich der „Clässer Turnverein“ auf und ging in die Turngemeinde über. Das Turnen sollte dabei nicht nur der körperlichen Ertüchtigung dienen, sondern auch den Geist formen, Vaterlandsliebe und Wehrhaftigkeit vermitteln sowie zu „echten Deutschen“ und „rechten Männern“ erziehen.
Frauen lange ausgeschlossen
Daher blieben Schülerinnen und Frauen lange vom Turnen ausgeschlossen. Erst allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass auch für Frauen Turnen durchaus förderlich für die Gesundheit sein könnte, da Haltungsschäden, Kurzatmigkeit oder Bleichsucht aufgrund von Bewegungsmangel weit verbreitet waren. Schließlich wollte man gesunde Frauen, die dann auch entsprechend gesunde Kinder bekommen konnten.
1838 eröffnete Ravenstein die Frankfurter Turnanstalt und nahm neben Schülern die ersten sechs Schülerinnen auf. Im Sommer 1849 turnten bereits 38 Mädchen in der Anstalt. Ravenstein unternahm regelmäßig mit den Mädchen kleinere Turnfahrten, die er genau im Fremden- und Gedenkbuch der 1845 neu organisierten und von der Stadt geförderten Turnanstalt festhielt.
Im März 1849 fand außerdem erstmals ein öffentliches Vorturnen der Mädchen statt. Aber auch das Turnen für ältere Frauen regte Ravenstein an. Drei Frauen waren es, die am 1. November 1848 „endlich mit der Gymnastik für ältere Frauenzimmer“ (Zitat Ravenstein) beginnen durften. Bereits im Dezember waren es laut Eintrag im Fremden- und Gedenkbuch neun Frauen.
Diese Frauen gründeten noch im Winter 1848/1849 den ersten Frauenturnverein in Frankfurt und damit einen der ältesten in Deutschland. Sie gaben sich eine Satzung und verpflichteten sich, zweimal wöchentlich zu turnen. Schon 1850 fanden die Aktivitäten dieses Vereins jedoch wieder ihr Ende.
Allerdings gab es nach der fehlgeschlagenen Revolution 1848 insgesamt im Turnen – auch bei den Männern – einen starken Rückgang. Die Regierenden behandelten das Turnen wieder äußerst restriktiv: sämtliche Turnvereine in Frankfurt wurden 1852 verboten, und die Turnanstalt Ravensteins bekam keine öffentliche Förderung mehr. Als erster Turnverein Frankfurts gründete sich der Turnverein Sachsenhausen 1857 neu. Zum Nachfolger der Frankfurter Turngemeinde wurde 1860 der Frankfurter Turnverein.
Anlässlich der 50jährigen Gedächtnisfeier zur Begründung des deutschen Turnens in der Berliner Hasenheide zogen die Frankfurter Vereine 1861 zusammen mit den Vereinen aus Bornheim, Bockenheim, Hausen, Niederrad und Oberrad sowie aus Hanau und Sprendlingen in einem Festzug von der Frankfurter Stadtbibliothek zum Oberforsthaus in den Stadtwald. Dort wurde eine „Weihe- und Festrede“ gehalten und ein Schauturnen veranstaltet. Gesangvereine sangen „ihre schönen patriotische Lieder“.
Zur Feier des dritten deutschen Turnfestes in Leipzig 1863 sammelten sich die Turner auf dem Frankfurter Goetheplatz, wo auch die Fahnen enthüllt wurden. Diese sollten beim Turnfest den Frankfurter Vereinen gemeinsam voran getragen werden, um zu zeigen, dass diese „in der deutschen Turnsache wie ein Verein zusammen ständen“.
Claudia Schüßler