Als Philipp Reis 1861 das Telefon zum Patent anmeldet, ahnt er wohl kaum, wie nachhaltig seine Erfindung die Massenkommunikation und damit das Schicksal der Welt verändern wird. 2004, Computer und Internet gehören mittlerweile wie selbstverständlich zum Alltag, bringt der 19-jährige Student Mark Zuckerberg das soziale Netzwerk Facebook online. Eine Erfindung, die ähnlich der des Telefons, einem Teilbereich der Kommunikation völlig neue Wege und Möglichkeiten eröffnet.
Aktuell nutzen 800 Millionen Menschen weltweit Zuckerbergs soziales Netzwerk.Für ungezählte Firmen, Institutionen und Organisationen gehört der Facebook-Auftritt wie selbstverständlich zum guten Ton. Wie aber sieht es im und mit dem organisierten Sport aus? Kann der Sport dieses neue Kommunikationsmedium (und weitere soziale Netzwerke) ignorieren, oder führt kein Weg daran vorbei? Das Interesse an dieser Fragestellung, und das rief Dr. Susanne Lapp, lsb h-Vizepräsidentin für Kommunikation und Marketing in Erinnerung, war auf der jüngsten Zusammenkunft der Kommunikationsbeauftragten der Sportrkreise und Sportverbände im vergangenen Jahr offenkundig geworden. Der Landessportbund Hessen hatte damals seinen von der Vizepräsidentin initiierten neuen Facebook-Auftritt vorgestellt. Für die anwesenden Pressewartinnen und Pressewarte Anlass genug für die Bitte, das Thema gemeinsam zu vertiefen.
Als kompetenter Referent konnte in diesem Kontext Florian Frank von der DOSB New Media GmbH gewonnen werden.
Augen nicht verschließen
Der hat zum Thema „soziale Netzwerke“ eine klare Auffassung. Frank: „Social Media ist sicher nicht die Lösung für alle (Kommunikations-)Probleme dieser Welt. Die sozialen Netzwerke wachsen aber rasant und haben eine neue Kommunikationswelt geschaffen. Damit muss man sich beschäftigen.“
Warum, liegt auf der Hand. Die „virale Kommunikation“, Kommunikation also, die quasi wie durch einen „Virus“ verbreitet wird, eröffnet neue Dimensionen des Informationsaustauschs.
Mitten im Netz
Per „Facebook“ zum Kicken auf dem Bolzplatz einladen, via „Twitter“ über den nächsten Lauftreff informieren und die mit der „Handycam“ gefilmten Szenen des „Slackline-Events“ im Stadtpark schnell auf „YouTube“ hochladen – der Sport ist bereits mittendrin im Netz der sozialen Kommunikation. Für Kritiker Anlass genug, mahnend den Finger zu heben. Wenn nämlich, so die Argumentation, das Sporttreiben via neuer Kommunikations- und Interaktionswegen zunehmend individualisiert wird, dann braucht es perspektivisch keine Vereinsstrukturen mehr.
Beleuchtet man diese These genauer, besteht freilich kein Grund zur Panik. Die Vorteile des „Haptischen“, des im tatsächlichen Sinne „Greif- und Erlebbaren“, lassen sich in der virtuellen Welt nicht abbilden. Und die Qualität, mit der der gut ausgebildete Übungsleiter die „Sportstunde“ versieht, kann bei der virtuellen Verabredung zum „Spaßsport auf der Wiese“ nicht annähernd erreicht werden.
Soziale Komponente
Weiter bedürfen gezielte sportliche Präventions- oder Rehabilitationsprogramme einer Begleitung, wie sie nur im organisierten Sport selbst angeboten werden kann. Und letztlich lässt sich die soziale Komponente des Sports in keiner unverbindlichen, lockeren und jeweils neu zusammengefügten Spaßsportgruppe darstellen.
Das eine mit dem anderen verbinden muss also die Lösung sein, für die auch Florian Frank warb. Facebook, Twitter und Co. bieten dazu eine Fülle an Möglichkeiten. Vereinsinformationen auf schnellem Weg kommunizieren, aktuell auf neue Angebote hinweisen, Diskussions- und Austauschforen anlegen – all das ist mit den neuen Kommunikationskanälen mehr oder weniger unproblematisch möglich.
Auch für die Außendarstellung des organisierten Sports bieten sich dim Kontext neue Perspektiven. Videos auf You Tube gehören dazu.
Generell bedarf die Nutzung der Neuen Medien einer gewissen Empathie. Florian Frank: „Botschaften, die transportiert werden sollen, müssen für die sozialen Netzwerke übersetzt werden.“ Soll heißen: Das, was im Briefwechsel oder bei dem Texten von Artikeln für die Vereinszeitung zum guten Ton gehört, ist, wird es „ungefiltert“ via Web 2.0 verbreitet, möglicherweise wenig effektiv.
Verfügbarkeit 24/7/365
Und noch etwas gilt es zu beachten. Florian Frank: „Denken Sie daran, dass das Internet 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche und 365 Tage im Jahr verfügbar ist.“ Wer sich dieser Aktualität entzieht, verliert möglicherweise Ansehen und Glaubwürdigkeit.
Gewarnt hat Frank auch vor einem weiteren „Fallstrick“ der neuen Kommunikationsstrukturen, dem „Wildwuchs“.
Wildwuchs möglich
Wenn also in einem Mehrspartenverein jede Abteilung einen eigenen Facebook-Auftritt generiert und im Extremfall der Gesamtverein von der Existenz dieser Auftritte nichts weiß, führt dies im „Außen“ möglicherweise zu Irritationen. Die einzelnen Auftritte dann wieder einzufangen, technisch schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Das Beispiel des Fußball-Bundesligavereins, der einem Fan 50.000 Euro bezahlte, um die von dem Fan über den Verein angelegte Facebook-Seite abzukaufen, illustriert diesen Sachverhalt plakativ.
Und es gibt weitere Widrigkeiten. Die sind beispielsweise im Bereich Datenschutz zu finden. Frank: „Facebook ist ein amerikanisches System. In Amerika ist in Sachen Daten zunächst einmal alles erlaubt und der Einzelne muss im Zweifel der Veröffentlichung persönlicher Daten widersprechen.“
Gleichwohl die Datenschutzgesetze und -richtlinien in unserem Land den umgekehrten Weg vorsehen, ist bei der Erstellung von Seiten in sozialen Netzwerken Vorsicht geboten. Wird nämlich der „Haken“ an der falschen Stelle gesetzt, erlaubt der Nutzer Facebook ganz schnell, auf die Adressdaten in der Outlook-Adressverwaltung zuzugreifen.
Das wiederum kann unerwünschte und auch unangenehme Folgen nach sich ziehen, wie Monika Langeder, derzeit ebenfalls Mitarbeiterin der DOSB New Media GmbH, berichtete.
Aufmerksamkeit wichtig
Mit ein wenig Sorgfalt und Aufmerksamkeit beim Erstellen einer Präsenz lasse sich das aber vermeiden, so die Expertin.
Das Generieren einer Fan-Seite oder eines regulären Facebook-Auftritts, und diese Bedenken nahm Langeder den Anwesenden, ist kein Hexenwerk. Wer Grundbegriffe der Computerwelt beherrscht und sich leidlich im Internet auskennt, wird dabei keine Probleme haben.
Potenzial nutzen
Im Zweifel gibt es in jeder Sportorganisation genügend junge Menschen, die in den modernen Strukturen fest verwurzelt sind. Ein Potenzial, das man nutzen sollte.
Generell, und das wurde letztendlich deutlich, bieten die sozialen Netzwerke eine Fülle an Möglichkeiten. Die sinnvolle Kombination mit vorhandenen Kommunikationsstrukturen ist dabei die Herausforderung, vor der auch und gerade der organisierte Sport steht. Eine Herausforderung, der man sich stellen muss. Dann wird die Frage, ob es in zehn Jahren den Sportverein als solchen noch geben wird, keine mehr sein.
Ralf Wächter