Magazin "Sport in Hessen"

Sport in Hessen 2014

Sportstättensicherheit: Interview mit Sascha Albiez

Erst wenn das Kind im Brunnen ist...

Sicherheitsexperte Saschsa Albiez im Gespräch Foto: privat

Das Echo in den Medien war groß, als die Stadt Frankfurt im Februar 351 Fußballtore aus Sicherheitsgründen abbauen ließ, um sie mit einer Kippsicherung auszustatten. Das Thema Sicherheit von Sportanlagen stand plötzlich im Interesse der Öffentlichkeit.

Dabei beschränkt sich das Problem keineswegs auf den Fußball oder mobile Tore. Anfang des Jahres ist in einer Sporthalle in Staßfurt in Sachsen-Anhalt eine Sprossenwand heruntergefallen und hätte mit ihrem Gewicht von 200 Kilogramm um ein Haar eine Tragödie herbeigeführt. Wie durch ein Wunder wurde keiner der sieben- bis zehnjährigen Sportler, die unter der Sprossenwand auf einer Bank saßen, erschlagen, sondern nur leicht verletzt. „Sport in Hessen“ hat mit Sascha Albiez, Geschäftsführer der „Hessische Sportstätten-Ausstattungs- und Service GmbH“ in Bruchköbel, der im Fall von Staßfurt zum offiziellen Gutachter bestellt wurde, über die Sicherheit von Sportanlagen gesprochen.

Herr Albiez, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit eines ähnlichen Szenarios zwischen Darmstadt und Kassel?
 
Sascha Albiez: Wenn überall die Bestimmungen über Sicherheit von Sportanlagen und Sportgeräten strikt eingehalten würden, dann wäre das Risiko sicher gering. Die Mutter aller Vorschriften zu diesem Thema ist die „GUV-SI 8044“, das sind die ultimativen Hinweise der gesetzlichen Unfallversicherung zur Sicherheit und zur Prüfung von Sportstätten und Sportgeräten. Leider klafft zwischen diesen Anforderungen und der Praxis eine riesige Lücke, auch in Bezug auf die Sporthallen und Sportplätze bei uns in Hessen.  

Was fordern die Vorschriften in diesem Kontext konkret?

Sascha Albiez: Die Sicherheitsbestimmungen sehen vor, dass sämtliche Sportstätten, die öffentlich zugänglich sind, einmal jährlich auf ihre Sicherheit geprüft werden müssen. Zu dieser Inspektion zur Gewährleistung der Verkehrssicherheit sind sämtliche Eigentümer von Sportanlagen, ob es nun Kommunen oder Vereine sind, verpflichtet. Und ebenso sind sie verpflichtet, die festgestellten Mängel anschließend zeitnah zu beheben.

Wie sieht es in der Praxis aus?

Sascha Albiez: Sehr unterschiedlich. Manchmal wird nicht einmal die obligatorische Inspektion durchgeführt, obwohl Kommunen und Vereine über ihre Pflichten genau Bescheid wissen. Manchmal werden zwar Prüfer bestellt, aber leider oft genug solche, die nicht zertifiziert sind. Vor allem jedoch werden anschließend die Kosten gescheut oder man ist finanziell nicht in der Lage, um Mängel tatsächlich zu beseitigen. Beim Vorfall in Staßfurt hatten die Prüfer sage und schreibe zehn Jahre lang moniert, dass die betreffende Sprossenwand nicht ordnungsgemäß montiert ist und herunterfallen könnte!

Was kostet eine Inspektion?

Sascha Albiez: Die Inspektion von Sportgeräten für eine Außenanlage wie einen Fußballplatz kostet etwa 89 Euro, für eine Dreifelder-Turnhalle 169 Euro, für einen Sportplatz mit großer Leichtathletik-Anlage knapp 300 Euro.

Das klingt überschaubar. Trotzdem sieht es danach aus, als würde den Eigentümern und Betreibern von Sportanlagen in Sachen Sicherheit niemand genau auf die Finger sehen.

Sascha Albiez: Genau so ist es. Vereine und Kommunen spielen noch viel zu oft auf Risiko und schieben sich außerdem die Verantwortung gern gegenseitig zu, zum Beispiel wenn Rechte und Pflichten bei der Verpachtung/Überlassung von städtischen Sportanlagen nicht exakt geregelt sind. Es fehlt grundsätzlich an Mechanismen, die eine Verkehrssicherungspflicht bei Sportanlagen und Sportgeräten automatisch gewährleisten.

Wer könnte so etwas durchsetzen?

Sascha Albiez: Das ist eine sehr gute Frage, darüber scheint sich grundsätzlich niemand Gedanken zu machen. Erst wenn es auf Sportanlagen und Spielplätzen schwere Unfälle gibt — eventuell gar mit tödlichem Ausgang — und der Staatsanwalt kommt, dann rückt das Thema Sicherheit in den Fokus. Vielleicht könnten die Unfallkassen etwas unternehmen, die ja ein großes Interesse an der Vermeidung von Unfällen haben. Das Problem beginnt ja schon damit, dass beim Einbau von Sportgeräten oft gar keine sportfachliche Beratung stattfindet und dann auch noch wegen der Kosten die billigsten Anbieter mit dem einfachsten Material ausgewählt werden. Niemand ist verpflichtet, weder für den Einbau, noch für die Begutachtung und die Mängelbeseitigung wirklich zertifizierte Firmen zu beauftragen. Schon durch diesen Wirrwarr steht die Sicherheit hintenan.

Welche Zertifikate sind verlässlich?

Sascha Albiez: In Frage kommen sollten meines Erachtens nur Anbieter wie der TÜV oder Unternehmen, die vom RAL-Institut, zertifiziert sind oder — wie unsere Firma — von der „Bundesfachgruppe Wartung — Sicherheit für Sport- und Spielgeräte e. V. (www.bfgw.de)“.    

Andreas Müller