Magazin "Sport in Hessen"

Sport in Hessen 2015

Bäder-Finanzierung: Neuregelung gefordert

Den Trägern steht das Wasser bis zum Hals

Müssen Schwimmbäder schließen, fallen mangels Ausweichmöglichkeiten häufig Schwimmkurse aus. Die Zahl der Kinder, die Schwimmen lernt, nimmt dadurch ab. Schwimmvereine bangen gleichzeitig um ihre Existenz: Mitglieder treten aus, wenn sie keine Möglichkeit zum Trainieren haben. Foto: Stephanie Hofschläger/Pixelio.de

Kommunen, denen die Kosten über den Kopf wachsen, Vereine, die um ihre Zukunft fürchten und immer weniger Kinder, die Schwimmen lernen. Wenn nicht bald eine Neuregelung für die Finanzierung hessischer  Schwimmbäder gefunden wird, droht eine düstere Zukunft. Eine Bestandsaufnahme.

Im Freizeitbad Panoramablick in Eschenburg herrscht reger Betrieb: Erwachsene ziehen routiniert ihre Bahnen, Kinder unternehmen erste Schwimmversuche und den Jugendlichen gefällt es, per Kopfsprung ins kühle Nass zu tauchen. Es ist eine heile Welt, die hier herrscht – könnte man jedenfalls meinen. Doch hinter den Kulissen brodelt es: Die Verantwortlichen sorgen sich um die Zukunft ihres Bades.
Rund 800.000 Euro beträgt der Zuschussbedarf, den die Gemeinde Eschenburg zu 92 Prozent und die Nachbargemeinde Dietzhölztal zu 8 Prozent Jahr für Jahr schultern. „Das geht weit über die Belastungsgrenzen hinaus“, findet Eschenburgs Bürgermeister Götz Konrad. Er fordert deshalb einen „Bonus für Bäder“ – eine Art Finanzausgleich für Kommunen, die Schwimmbäder betreiben. Denn: „Wie bei jedem der neun Hallenbäder im Lahn-Dill-Kreis reicht unser Einzugsgebiet weit über die Gemarkungsgrenzen hinaus“, sagt Konrad und verweist auf eine Befragung, laut der nur knapp 50 Prozent der Gäste aus den beiden Trägerkommunen stammen. Müsse seine Gemeinde aber weiterhin den Großteil der Kosten tragen, drohe dem Bad langfristig das Aus.

„Politik muss tätig werden“

Dazu darf es laut Dr. Rolf Müller, Präsident des Landessportbundes Hessen, nicht kommen. Er hatte schon vor längerem vor einem Bädersterben in Hessen gewarnt und die Politik aufgefordert, tätig zu werden. Nach der Zuschrift des Eschenburger Bürgermeisters und zahlreicher weiterer Reaktionen sieht Müller sich bestätigt, dass seine Befürchtung alles andere als aus der Luft gegriffen ist. „Wir brauchen eine solidarische Lösung des Problems – und zwar schnell“, macht Müller deutlich.
Er hat deshalb Kontakt mit dem Hessischen Finanz- sowie Innenministerium aufgenommen und angeregt, die Schwimmbad-Finanzierung über den Kommunalen Finanzausgleichs (KFA) zu regeln, der bis Ende des Jahres neu geordnet werden muss. „Ich kann mir ein Modell ähnlich einer Schulumlage vorstellen“, sagt Müller. Dabei könnte Geld von den Gemeinden eingesammelt werden, die keine Schwimmbäder betreiben. „Das würde dann den Betreiberkommunen zugutekommen, die dadurch massiv entlastet würden“, so der lsb h-Präsident.
Beim Hessischen Ministerium der Finanzen stößt der Vorschlag nicht auf taube Ohren. „Die vom Landessportbund aufgebrachte Problematik und die angedachten Lösungsansätze werden derzeit geprüft“, schreibt eine der Mitarbeiterinnen und verspricht, „im Gespräch“ zu bleiben.
Ein schnelles Handeln ist laut Müller auch dringend notwendig. Zwar verfügt das für Sport zuständige Hessische Innenministerium weder über Zahlen, wie viele Bäder es in Hessen derzeit gibt, noch wie viele in den vergangenen Jahren schließen mussten – ein regelmäßiger Blick in die Lokalpresse zeigt jedoch: Die Situation spitzt sich zu, die Zahl der Bäder nimmer tendenziell ab.

Entscheidender Faktor

So haben in den vergangenen zwei Jahren zum Beispiel die Hallenbäder in Pfungstadt (Landkreis Darmstadt-Dieburg), Korbach (Landkreis Waldeck-Frankenberg) oder Witzenhausen (Werra-Meißner-Kreis) ihre Tore geschlossen – zumindest vorläufig. Die Gründe sind vielfältig, meist jedoch spielt Geld eine entscheidende Rolle. In Pfungstadt etwa sei das sichere Baden „aus brandschutztechnischen Gründen“ nicht mehr gewährleistet, teilt die Stadt mit. Die nötigen Investitionen, um das zu ändern, beurteilte der dortige Bürgermeister Patrick Koch laut einem Pressebericht als „Finanzaufwand für ein marodes Objekt“.
Derzeit erwägt Pfungstadt deshalb den Bau eines neuen Bades. Allerdings nicht alleine, sondern zusammen mit der Nachbargemeinde Gernsheim, deren Bad ebenfalls vor ein paar Jahren schließen musste. Der Hintergrund: „Allein können wir uns kein neues Hallenbad leisten“, macht Gernsheims Bürgermeister Peter Burger deutlich. Ob es zusammen gelingt, steht aber auch noch nicht fest. Derzeit läuft eine erste Bäderleitplanung.
„Beispiele wie diese zeigen, dass sich etwas tun muss, soll Hessen nicht zum Land der Nichtschwimmer werden“, erklärt lsb h-Präsident Dr. Rolf Müller. Denn weniger Schwimmbäder bedeuten auch weniger Schwimmkurse und -unterricht. „Die Nichtschwimmerquote droht also zu wachsen – und damit die Zahl an tödlichen Badeunfällen“, blickt Müller in die unheilvolle Zukunft.

DLRG ruft zur Umfrage auf

Auch der DLRG Landesverband Hessen hat längst erkannt, wie wichtig der Bäder-erhalt ist: „Zur Zukunftssicherung unseres Verbandes, in erster Linie aber zur Bekämpfung des nassen Todes“, wie Landesverbands-Präsident Thorsten Reus in einem Brief an seine Kameraden schreibt. Darin ruft er sie auf, sich bis zum 15. April an einer Umfrage über den Zustand und die Nutzung der Schwimmbäder in Hessen zu beteiligen. Denn aktuelle Zahlen liegen bislang keine vor – weder beim hessischen Städte- und Gemeindetag noch beim statistischen Landesamt. „Die letzte Erhebung zum Thema Sportstädten und Schwimmbäder haben wir im Jahr 2000 durchgeführt“, informiert eine Mitarbeiterin des Landesamtes auf Nachfrage. Damals wurden 198 Hallen-, Frei- und Naturbäder erfasst.
Seitdem hat sich wohl einiges getan – nicht nur quantitativ, sondern auch in Sachen Trägerschaft. „Für die Übertragung von Freibädern in die Hände von Vereine haben wir im Sportkreis Waldeck-Frankenberg eine Reihe von Beispielen“, sagt zum Beispiel Gerhard Menkel. Er ist nicht nur Sportredakteur bei der Waldeckischen Landeszeitung, sondern auch Vorsitzender des Vereins Freibad Landau e.V., der das dortige Freibad seit 2004 mit Unterstützung der Stadt Bad Arolsen betreibt.

Runden Tisch initiiert

Das läuft eigentlich sehr gut. Doch von der Sanierung des 50-Meter-Beckens haben Menkel und seine Mitstreiter erst mal Abstand genommen. „Aus eigener Kraft ist ein so großer Wurf nicht zu finanzieren“, machten sie bei der Jahreshauptversammlung deutlich. Weil es vielen Schwimmbadvereinen so gehe, hat der Verein angeregt, einen runden Tisch mit den Bürgermeistern und Freibad-Vereinen der Nordwaldecker Kommunen zu gründen. Großer Wunsch: ein Förderprogramm des Landes für die Betreibervereine von Freibädern.
Etwas Ähnliches hatte es bereits vor ein paar Jahren für Kommunen gegeben: 50 Millionen Euro stellte die Hessische Landesregierung ab 2004 im Rahmen des Hallenbad-Investitionsprogramms („HAI-Programm“) für Sanierungen zur Verfügung. „So etwas gab es in keinem anderen Bundesland“, lobt Werner Freitag, Präsident des Hessischen Schwimm-Verbandes (HSV). Rund 90 Kommunen hätten Zuschüsse erhalten. „Ohne das HAI-Programm wäre die Situation heute katastrophal“, so Freitag. Doch weil das Geld längst aufgebraucht ist und viele Kommunen nicht zum Zug kamen, habe sich inzwischen wieder einiges aufgestaut. Das Grundproblem, sagt der Schwimm-Verband-Präsident, bestehe darin, dass man Schwimmbäder eigentlich permanent reparieren müsse. „Wer ein Schwimmbad betreibt, braucht immer Geld“, bringt er es auf den Punkt.
Das zeigt sich auch in Pfungstadt. Dort wurde 2012 zwar saniert, die alte und marode Betriebstechnik aber nicht ausreichend erneuert. Weil nicht alle Sicherheitsvorschriften eingehalten werden konnten, wurde das Bad 2014 dann geschlossen. Bis zu 18 Millionen Euro wären nötig, um die Mängel zu beheben. Geld, das nicht vorhanden ist.

Bange Zukunft

Leidtragende sind nicht nur die Schwimmbad-Mitarbeiter und -Besucher, sondern auch die örtlichen Vereine. „Wir hatten montags immer das gesamte Bad für drei Stunden. Wenn ich jetzt in einer anderen Stadt eine Bahn für eine halbe Stunde bekomme, kann es das nicht ausgleichen“, sagte Thomas Meinhardt von der Schwimmabteilung der FTG Pfungstadt vor rund einem Jahr im hr-Interview. Erst vor kurzem verkündete der Verein nun, seinen Schwimmschulbetrieb sogar ganz einstellen zu müssen. Auch die Schwimmabteilung des TSV Pfungstadt bangt um ihre Zukunft, und die örtliche DLRG hatte angesichts der bereits ein Jahr währenden Schließung des Bades zum Fackelmarsch aufgerufen. Getan hat sich bisher nichts.
Lsb h-Präsident Dr. Rolf Müller – selbst Vorstandsmitglied des Schwimmvereins Gelnhausen und ehemals aktiver Schwimmer – tut es in der Seele weh, von solchen Beispielen zu hören. „Jedem muss klar sein: Wenn nicht genügend Schwimmbäder zur Verfügung stehen, brechen den Vereinen die Mitglieder weg und immer weniger Kinder lernen Schwimmen“, sagt er.
Auch HSV-Präsident Freitag weiß um die Problematik. Dabei seien nicht nur klassische Schwimmvereine betroffen. Auch Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz, die Volkshochschule und die DLRG, die häufig Schwimmkurse anbieten, hätten zu leiden. „Denn selbst wenn noch ein Bad vorhanden ist, sind die Nutzungszeiten oft begrenzt. Dann ist kein Platz mehr für Aquagymnastik und die Trainingszeiten liegen ungünstig.“ Das machen Mitglieder nicht lange mit.
Freitag spricht aber noch einen weiteren wichtigen Punkt an: den Spitzensport. „Eigentlich gibt es in ganz Hessen kein geeignetes Bad“, sagt er und erklärt: Überall müsste man die Bäder mit anderen Gruppen oder normalen Besuchern teilen. „Gerade im Nachwuchsbereich müssen wir heute aber flexibler agieren als jemals zuvor. Da wäre ein Bad ganz für den Spitzensport natürlich toll.“
Dass dieses Problem sich so schnell nicht lösen lässt, ist Freitag bewusst. Den Vorschlag von Dr. Rolf Müller, mit der Politik in Punkto Schwimmbad-Finanzierung über den kommunalen Finanzausgleich in Kontakt zu treten, findet er aber auf jeden Fall sinnvoll. „Die Probleme bestehen und wir müssen darauf aufmerksam machen“, sind sich beide Präsidenten einig.

Isabell Boger