Magazin "Sport in Hessen"

Sport in Hessen 2016

Titelthema Sport im Alter

Reifes Alter? Reife Leistung!

Bewegung – egal in welchem Alter – tut Körper und Seele gut. Foto: Andrea Bowinkelmann (LSB NRW)

Donnerstagabend, Abteilungsbesprechung in einem Verein in Südhessen. „Uns ist leider ein Mädchen  abgesprungen, künftig wird es also noch schwieriger, zwei Mannschaften zu bilden.“ Die Trainerin der Gerätturnerinnen berichtet sachlich, schiebt Positives hinterher, erzählt von Erfolgen. Auch die Übungsleiter der anderen Kindergruppen bleiben optimistisch, informieren über Jugendliche, die Interesse an der Trainerausbildung haben, die gerne und regelmäßig in die Stunde kommen. Ein Problem kennen sie aber alle: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen nimmt ab: Lange Schulzeiten, Freizeitstress und der demografische Wandel tun ihr Übriges.

Die Erzählweise ändert sich, als die Übungsleiterinnen der Seniorengruppen an der Reihe sind. Dann fallen Sätze wie: „Im Gymnastikraum wird es uns inzwischen fast zu eng“, „Wir haben Aufnahmestopp!“ oder „Von meinen 30 Teilnehmern kommen immer über 20“. Was sich in diesem südhessischen Verein zeigt, gilt eigentlich für ganz Deutschland: Sport für Ältere ist gefragt wie nie zuvor.
Nachwuchsprobleme wird es hier wohl auch in den kommenden Jahren nicht geben: Wenn die Babyboomer in einigen Jahren in Rente gehen, dürften die Sportgruppen für Ältere weiter wachsen. Denn diese Generation – in den 1960ern geboren – macht nicht nur den derzeit größten Teil der Bevölkerung aus, sie ist auch mit Sport aufgewachsen.

Anteil der Älteren in Vereinen wächst stetig

Schon heute zeigt ein Blick in die Statistiken des Landessportbundes Hessen, warum sich Vereine der Zielgruppe der über 60-Jährigen unbedingt annehmen sollten: Von den mehr als zwei Millionen Mitgliedern, die in Hessens Vereinen  Sport treiben, sind rund 400.000 über 60. Das entspricht fast 20 Prozent. Vor zehn Jahren lag der Anteil der Älteren – bei relativ konstanter Gesamtmitgliederzahl – noch bei rund 15, vor 20 Jahren bei knapp neun Prozent.
„Die  Zuwächse im Bereich Ältere haben drei Hauptgründe“, sagt Gundi Friedrich, stellvertretende Geschäftsbereichsleiterin Sportentwicklung: „Erstens steigt durch den demografischen Wandel das Durchschnittsalter der Deutschen. Zweitens haben die Menschen heute ein höheres Gesundheitsbewusstsein, sie tun mehr für sich und ihren Körper. In der Folge bleiben sie – drittens – auch länger fit und gesund.“
„Wir starten unsere Stunde heute mit ,Lasst uns glücklich sein‘“, ruft Gabriele Borrometi in die Runde. Aus den Lautsprechern tönt die Melodie des hebräischen Volkslieds „Hava Nagila“.  Die rund 30 Senioren, die im Kreis auf Stühlen sitzen, kennen das Lied. Sie singen mit, summen mit – und vor allem tanzen sie auch mit. „Tanzen geht auch im Sitzen“, sagt Borrometi. „Ich tanze mit meinen Senioren auch Lambada oder Twist. Wenn ich dann in die strahlenden Gesichter schaue, weiß ich: Diese Leute waren auch mal jung!“
Es ist Donnerstagnachmittag im Gymnastiksaal der TuS Schwanheim. Wie immer ist es voll und wie immer hat sich die Übungsleiterin etwas einfallen lassen. Heute schwenken die ältesten Vereinsmitglieder Pappteller im Rhythmus des Volkslieds. Die Arme über dem Kopf bewegen, den Oberkörper drehen, die Knie anheben, die Brust in Richtung Oberschenkel schieben – was jungen Menschen leicht fällt, kann in der Gruppe von Gabi Borrometi zur Herausforderung werden. Manche der Teilnehmer sind über 90, das Rentenalter haben alle bereits erreicht.
Der Spaß an der Bewegung und die Lust, die eigenen Grenzen auszutesten, ist ihnen aber nicht abhanden gekommen. „Ich hatte das erste Mal so Muskelkater, das können Sie sich gar nicht vorstellen“, erzählt eine Dame und lächelt glücklich – mittlerweile ist sie schließlich einiges gewöhnt. „Manchmal komme ich mit Rückenschmerzen hierher. Und wenn ich rausgehe, geht‘s mir super“, sagt eine andere.

Wohltat für Körper und Seele

Wer während oder nach der Stunde in die Augen der vorwiegend weiblichen Teilnehmer schaut, der merkt schnell: Sport im Alter tut nicht nur dem Körper gut, sondern auch der Seele. „Gesundheit wird als Zustand des körperlichen und geistigen Wohlbefindens definiert“, sagt Dr. Frank Obst,  als Geschäftsbereichsleiter beim Landessportbund für den Bereich Bildung zuständig. Gerade nach dem Ende des Arbeitslebens,  also dann, wenn man beginnt, von „Senioren“ zu sprechen, stelle sich häufig eine Sinnfrage. „Das gemeinsame Sporttreiben kann da helfen: Man bekommt Ansprache, wird gefordert und erlebt Erfolge“, sagt Obst.
Für ihn ist es deshalb selbstverständlich, dass das Thema „Lebens- und Bewegungswelt“ von Älteren bereits in der Übungsleiter-Ausbildung Breitensport „Erwachsene/Ältere“ behandelt wird. „Natürlich spielt hier der Gesundheitsaspekt eine Rolle, es geht aber auch um Ansprüche an sich selbst, um Selbstbewusstsein und Erhalt der Selbstständigkeit.“
Einen Mangel an Selbstbewusstsein ist bei Heide Franz (siehe Porträt Seite 10) auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Sie ist eine resolute Frau, die ihre Senioren bei der Hockergymnastik des TV 1876 Eberstadt ganz schön fordert. Sportlich war Franz immer. Eine Übungsleiterlizenz des Deutschen Turner-Bundes erwarb sie aber erst spät: mit 72 Jahren.
„Als ich mit 68 in Rente ging, habe ich mich erst einmal über die neue Freiheit gefreut. Dann aber kommt ein Punkt, an dem man sich fragt: Bin ich nicht überflüssig?“ Sie hat diesen negativen Gedanken ins Positive gewandelt. Als Übungsleiterin weiß sie heute, wie sinnvoll ihr Leben ist. Franz möchte weitere Frauen – und gerne auch Männer – ermutigen, es ihr nachzutun. „Man ist dafür nicht zu alt. Man muss sich nur trauen. Und ich kann sagen: Es rentiert sich.“

„Rundum fit“ statt „Seniorengymnastik“

„Fast in jedem hessischen Mehrspartenverein gibt es heute Angebote für ältere Erwachsene“, sagt Gundi Friedrich vom Geschäftsbereich Sportentwicklung. Sie wählt ihre Worte mit Bedacht, spricht absichtlich nicht von Senioren. „Das Altersbild in unserer Gesellschaft hat sich massiv geändert“, erklärt sie. Wer Oma sei, müsse heute nicht mehr am Stock gehen, sondern könne seinen Enkeln unter Umständen sogar noch etwas vormachen.
Frühestens Menschen ab 70 sähen sich heute als „Senioren“. Und selbst diese sind heute so fit und vital wie nie zuvor. Das müssen laut Friedrich auch Sportvereine beachten: „Mit einer ,Seniorengymnastik‘ lockt man heute kaum noch Leute. Schon die Angebote sollten anders heißen, etwa ,Rundum fit‘.“
Außerdem seien auch ältere Erwachsene heute trendbewusst.  Neue Übungsgeräte dürften also durchaus zum Einsatz kommen. Natürlich, sagt Friedrich, müsse das aber altersgemäß und gesundheitsfördernd passieren.“ Das klappe in den meisten hessischen Vereinen. Warum? „Weil gut ausgebildete Übungsleiter im Einsatz sind“, weiß Friedrich aus Erfahrung.
Isabell Boger