Magazin "Sport in Hessen"

Sport in Hessen 2016

Neuer Referent für „Sport und Inklusion“ im Interview

Von der Flamme der Inklusion

Allen Hessen eine gleichberechtigte Teilhabe am Sportangebot im Breiten-, Freizeit- oder Leistungssportbereich ermöglichen – das ist das Ziel von William Sonnenberg. Seit dem 1. September ist er Referent für „Sport und Inklusion“ beim Landessportbund Hessen (lsb h). Im Interview spricht er über den Stand der Dinge, geplante Aktionen und seine eigenen Erfahrungen auf dem Feld der Inklusion.

Herr Sonnenberg, mit 17 haben Sie aus eigener Initiative heraus ein Sportprogramm für Bewohner einer Lebenshilfe-Einrichtung entwickelt und umgesetzt. Seither sind Sie dem Thema Inklusion treu geblieben. Woher kommt Ihre Leidenschaft dafür?

Angefangen hat alles mit Sozialstunden, die ich in der Lebenshilfe-Einrichtung geleistet habe. Ein tolles Haus, in dem ich gemerkt habe, wie viel Spaß mir die Arbeit mit Behinderten macht. Nur leider gab es kaum sportliche Angebote für die größtenteils geistig behinderten Menschen. Das fand ich schade, deshalb habe ich eine  Spiel- und Freizeitsportgruppe gegründet, die nach kurzer Zeit sehr gefragt war: Die Bewohner kamen gerne und ich habe gemerkt, wie sehr Sport die Lebensqualität dieser Menschen steigern kann. Beim Sportstudium später habe ich mich erst mal auf den Bereich Leistungssport konzentriert. Weil dort aber auch häufig  körperliche Probleme auftreten, habe ich erkannt, wie wichtig Rehabilitation ist. Zum Referenten und heute Landeslehrwart des Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes (HBRS) war es da nicht mehr weit!

Mit dieser Erfahrung im Rücken: Wie steht derzeit um die Inklusion im hessischen Sport?
Sie ist ausbaufähig! Aber genau aus diesem Grund wurde meine Stelle, die vom Hessischen Innenministerium, dem lsb h und dem HBRS finanziert wird, ja geschaffen. Momentan gibt es in Hessen meiner Einschätzung nach viele punktuelle Leuchttürme, also Vereine oder Gemeinden, in denen die Inklusion im Sport vorbildlich gelebt wird. Ziel muss es sein, dass dies auch in der breiten Fläche gelingt.  
Wie soll das funktionieren?
Zuerst einmal müssen wir eine Struktur aufbauen. Erst, wenn wir alle Informationen zum Thema gebündelt haben, können wir gezielt Maßnahme erarbeiten und die breite Basis der Vereine zum Mitmachen animieren. Unser Handeln orientiert sich dabei an der Absichtserklärung, die das Hessische Innenministerium, der lsb h, der HBRS, Special Olympics Hessen und der Hessische Gehörlosen-Sportverband im November 2015 verabschiedet haben. Auf Grundlage der UN-Behindertenrechtskonvention sollen die Voraussetzungen für eine inklusive Sportlandschaft geschaffen werden, damit Menschen mit Behinderung gemäß ihren Wünschen Sport treiben und erleben können.

Das klingt erst einmal sehr theoretisch. Mit welchen Maßnahmen soll das konkret erreicht werden?
Wir haben für die kommenden zwei Jahre einen ganzen Maßnahmenkatalog! So sollen Broschüren und Handlungsleitfäden erstellt sowie Fachforen und Workshops durchgeführt werden. Ziel ist es, die Öffentlichkeit, aber vor allem die potenziellen Akteure  über das Thema Inklusion aufzuklären. Häufig gibt es ja Schranken in den Köpfen, die durchbrochen werden müssen. Darauf zielt auch die Gründung eines Runden Tisches mit allen hessischen Sportverbänden ab. Außerdem wollen wir bereits 2017 einen Inklusionspreis ausschreiben, der vorbildliche Vereinsarbeit auf diesem Gebiet auszeichnet, und eine Datenbank anlegen, in der alle inklusiven Sportprojekte in Hessen gesammelt sind.

Damit die Inklusion im Verein umgesetzt werden kann, sind qualifizierte Übungsleiter unabdingbar. Wie steht es in Hessen um diesen Bereich?
Fortbildungen zu diesem Themenbereich gibt es in Hessen schon seit mehr als 20 Jahren. Dank einer großzügigen Förderung der KfW Stiftung können interessierte Übungsleiter seit 2015 zudem die Ergänzungsausbildung „Profilerweiterung Inklusion mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche“ beim Landessportbund bzw. der Sportjugend Hessen absolvieren. Dass diese sehr gut angenommen wird, zeigt übrigens, dass wir uns auf einem guten Weg befinden. Deswegen möchte der Landessportbund künftig auch eine „Profilerweiterung Inklusion mit Schwerpunkt Erwachsene“ anbieten.

Ihre Projektstelle ist zunächst auf zwei Jahre befristet. Wo steht die Inklusion in Hessen bis dahin?
Bundesweit an der Spitze! (lacht) Naja, ich hoffe zumindest, dass wir bis dahin ein starkes Netzwerk aufgebaut haben. Ich wünsche mir, dass es gelingt, die Flamme der Inklusion und Vielfalt in die Verbände, Sportkreise, Vereine und Gruppen zu tragen, und am Ende ein großes loderndes Feuer zu haben! Momentan  wird leider noch viel zu problemorientiert gedacht. Ich höre oft, warum alles schwierig ist oder nicht klappt. Wir müssen aber nach Lösungen suchen, nicht nach Problemen. Ich vermittele deshalb gerne an Vereine, bei denen es schon gut läuft, sage: Fahrt hin, schaut es euch an, stellt den Verantwortlichen Fragen.

Wo läuft es denn schon richtig gut?
Es gibt wie gesagt einige Leuchttürme. Ein gutes Beispiel ist sicherlich die TG Rüdesheim: Dort sind alle Beteiligten massiv engagiert, alle Übungsleiter sind voll im Thema drin. Das zeigt sich schon daran, dass der Breitensportverein seine Sportstätte „Halle für alle“ genannt hat, immer wieder neue Projekte angestoßen und diese auch zielgerichtet umgesetzt werden.
   

Isabell Boger

Das Wichtigste auf einen Blick

Förderkonzept Inklusion im und durch Sport

Gute Ideen, um die Inklusion im hessischen Sport voranzutreiben, gibt es viele. Um die finanziellen Voraussetzungen zu schaffen und einen Anreiz zur Umsetzung zu geben, wird das Hessische Ministerium des Innern und für Sport noch in diesem Jahr ein Förderprogramm auflegen. Vorgesehen ist eine Einmalförderung für Vereine oder Verbände. Derzeit wird der Förderantrag erarbeitet, erläutert William Sonnenberg, Ansprechpartner beim Landessportbund Hessen.

Inklusionspreis 2017

Tolle Projekte, Aktionstage, Sportveranstaltungen und Sportangebote im Bereich Sport und Inklusion sollen künftig auch belohnt werden. Ab dem Jahr 2017 zeichnen der Landessportbund Hessen, das Hessische Ministerium des Innern und für Sport sowie das Hessische Ministerium für Soziales und Integration Vereine aus, die inklusive Ideen im Sport umgesetzt haben. Die Ausschreibung für diesen Inklusionspreis wird in Kürze erfolgen.

Gute Beispiele

Schon jetzt wird vielerorts tolle Inklusions-Arbeit geleistet. Wer sich Anregungen holen möchte, kann dies bei folgenden Vereinen tun:
TG Rüdesheim
Teutonia Köppern
Deutscher Alpenverein, Sektion Wiesbaden
Behinderten-Sportgemeinschaft Kassel
TSV 1919 Hilders

Literaturempfehlung

Voraussichtlich im Dezember erscheint zum Thema ein Buch von William Sonnenberg: „Inklusion im Sport – Good Practice Beispiele für den Vereins- und Schulsport“. Spiele und Übungen für heterogene Gruppe von Menschen mit und ohne Behinderung werden anhand von über 900 Bildern veranschaulicht und erklärt.

Wo steht mein Verein?

Wie steht es in Ihrem Verein um das Thema Inklusion? Herausfinden können Sie das mit einem kleinen „Inklusions-Selbstcheck“. Den Fragebogen finden Sie auf der Webseite des Landessportbundes Hessen unter dem Geschäftsbereich Sportentwicklung oder einfach per Shortlink hier.

ib