Magazin "Sport in Hessen"

Sport in Hessen 2017

Bezahlte Mitarbeiter als Alternative

Nicht warten bis alles zusammenbricht

Manchmal erscheint Vereinsarbeit wie ein Hamsterrad: Die Ehrenamtlichen rennen, und doch geht es nicht vorwärts. Entlastung durch bezahlte Mitarbeiter kann helfen. Foto: pixabay.com

Immer mehr Gesetze, Verordnungen und Vorschriften. Probleme, neue Vorstandsmitglieder zu gewinnen. Gestiegene Ansprüche der Mitglieder. Kommerzielle Konkurrenz mit attraktiven Kursangeboten, denen man etwas entgegensetzen sollte. Steigender Bürokratieaufwand. Die Gründe, warum das ehrenamtliche Engagement heute so manchem Vereinsverantwortlichem über den Kopf zu wachsen droht, sind zahlreich. Und manchmal fühlt es sich an wie im Hamsterrad: Man rennt und rennt und rennt – und kommt doch icht vorwärts. Der Verein läuft zwar, aber er entwickelt sich nicht weiter.

Helfen könnte in vielen Fällen eine Professionalisierung des Vereins – und zwar durch die Ergänzung ehrenamtlicher, unbezahlter Arbeit durch hauptberuflich und kontinuierlich angestellte Mitarbeiter. Denn die sorgen für eine Entlastung des Vorstandes. Dadurch bleibt mehr Zeit für die strategische Weiterentwicklung des Vereins. Mit unserem Titelthema wollen wir beleuchten, wann und in welcher Form eine Professionalisierung Sinn macht.

Fachleute auf diesem Gebiet sind Christoph Becker und Dietmar Fischer, die als Referent Vereinsmanagement beziehungsweise als Vereinsberater für den Landessportbund Nordrhein-Westfalen arbeiten. Das Interview mit beiden haben wir um Daten und Fakten aus Hessen ergänzt.

Herr Becker, Herr Fischer: Gehen Sie davon aus, dass die Zahl der Vereine, die bezahlte Mitarbeiter haben, in den kommenden Jahren signifikant steigen wird?

Dietmar Fischer: Absolut. Wir beobachten diesen Trend bereits jetzt. Vor allem die mittelgroßen Vereine haben Probleme. Ab circa 1.000 Mitgliedern fängt es an: Dann sind die Vereine häufig zu groß, um rein ehrenamtlich arbeiten zu können. Viele verlangen im Vergleich zu anderen Sport- und Freizeitangeboten aber noch immer viel zu niedrige Mitgliedsbeiträge. Eine Beitragsanpassung muss man aber in der Regel in Kauf nehmen, um den Übergang zur bezahlten Mitarbeit schaffen zu können. Häufig passierte das erst, wenn der Leidensdruck zu hoch ist und es gar nicht mehr anders geht, weil „Vollzeit-Ehrenamtliche“ wegfallen.

Die Situation in Hessen: Laut dem Sportentwicklungsbericht von 2013/14 beschäftigt nur ein gutes Viertel der rund 7.700 hessischen Sportvereine überhaupt bezahlte Mitarbeiter. Sie werden vorrangig in den Gebieten Sport-, Übungs- und Wettkampfbetrieb, Technik, Wartung und Pflege sowie in der Verwaltung eingesetzt. Auch einige Führungskräfte, zum Beispiel Geschäftsführer, sind darunter. Hier liefert der aktuelle Sportentwicklungsbericht (2015/16) genauere Zahlen: Demnach beschäftigen etwa 290 hessische Vereine (5,7 Prozent) eine bezahlte Führungskraft, die zum Großteil (bei 200 Vereinen) aber nur in Teilzeit angestellt ist.

Was raten Sie Vereinen, die merken: Ohne hauptamtliche Unterstützung geht es nicht mehr?

Fischer: Ich rate vor allem, sich frühzeitig Gedanken zu machen und nicht zu warten, bis der Vereinsbetrieb zusammenzubrechen droht. Beitragserhöhungen sorgen zu jedem Zeitpunkt für Diskussionen. Aber meine Erfahrung zeigt: Wer vernünftig argumentiert und Transparenz herstellt, findet beim Großteil der Mitglieder auch Verständnis. Auch die häufig befürchtete Kündigungswelle habe ich bisher nur in einem einzigen Fall erlebt.

Die Situation in Hessen: 76 Prozent der Sportvereine haben laut Sportentwicklungsbericht 2015/16 eine ausgeglichene oder positive Einnahmen-Ausgaben-Rechnung. Den größten „Batzen“ bei den Ausgaben macht dabei die Bezahlung von Trainer, Übungsleitern und Sportlehrern aus. Rund 60 Prozent aller hessischen Vereine bezahlen also schon jetzt Gehälter oder Aufwandsentschädigungen an Mitarbeiter oder Ehrenamtliche im sportlichen Bereich. Ausgaben für Verwaltungspersonal fallen hingegen nur bei 7,1 Prozent der Vereine an. Auf Einnahmenseite machen Mitgliedsbeiträge fast die Hälfte aus. Im gesamtdeutschen Vergleich sind die monatlichen Mitgliedsbeiträge in Hessen mit durchschnittlich fünf Euro für Erwachsene (Deutschland: 6,50 Euro) bzw. zwei Euro für Kinder (D: 2,50 Euro) aber eher gering.

Wie kann man Mitgliedern eine Beitragserhöhung, die dazu dient, sich bezahlte Mitarbeiter leisten zu können, schmackhaft machen?

Fischer: Setzt man Mitarbeiter im sportlichen Bereich ein, ist das meist unkompliziert: Die Mitglieder profitieren dann zum Beispiel ganz direkt von neuen Sportangeboten oder häufigeren Trainingseinheiten. Stellt man jemanden für den Verwaltungsbereich ein, ist es viel schwieriger: Viele Mitglieder wissen ja gar nicht, was im Hintergrund alles geleistet wird, um einen Verein am Laufen zu halten. Hier sollte man in erster Linie mal aufklären. Und es gibt die Möglichkeit, die Mitglieder vor die Wahl zu stellen: Sie können entweder selbst mit anpacken – zum Beispiel, indem sie jeden Monat ein paar Stunden mitarbeiten – oder es wird jemand angestellt! Es ist hart, aber dieses „Pistole auf die Brust“ setzen hilft oft am besten!

Auch im Vorstand ist dieser Schritt oft umstritten.Welche Argumente helfen, die Vorstandskollegen zu überzeugen?

Christoph Becker: Man muss aufzeigen, dass sich die Dinge verändert haben. Wir beobachten heute ein verändertes Freizeitverhalten der Menschen, immer weniger sind bereit, sich dauerhaft mit einem extrem hohen Zeitaufwand zu engagieren. Außerdem ist es nicht nur eine subjektive Wahrnehmung, dass immer mehr Dinge dazukommen: Vereinsarbeit ist heute so komplex, dass es selbst Hauptamtlichen schwer fällt, alles zu überblicken. Es ist immer mehr Fachwissen nötig, und wenn das fehlt, läuft man Gefahr, Fehler zu machen. Das kann sich nicht nur negativ auf die Vereinsentwicklung, sondern gegebenenfalls auch negativ auf die Finanzen auswirken.

Fischer: Daneben gibt es ja auch die weichen Faktoren: Ein Ehrenamt soll auch Spaß machen. Verwaltungsaufgaben sind aber meist eher zeitaufwendig und nervenaufreibend. Ein Angestellter kann das Ehrenamt hier entlasten. Dann bleibt mehr Zeit für die Vereinsentwicklung und häufig wird dadurch auch die Lust auf die Mitarbeit im Verein wieder stärker geweckt.

Es gibt wenige wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit dem Professionalisierungsdruck in Sportorganisationen beschäftigen. Eine im Jahr 2002 veröffentlichte Studie von Heinz-Dieter Horch und Norbert Schütte bestätigt jedoch: Vereine und Verbände sehen viele Gründe, „die ein Bedürfnis nach mehr hauptamtlichem Managementpersonal begründen. Im Unterschied dazu gib es aber nur ein entscheidendes Hindernis, nämlich den Mangel an Finanzen“. Eine weitere Erkenntnis: Das Verberuflichungsbedürfnis sinkt nicht mit dem Ausmaß der Verberuflichung, sondern steigt sogar. „Verberuflichung erweist sich offenbar als Erfolgsstory“, schreiben die Autoren. Die Befragten scheinen also positive Erfahrungen mit angestellten Mitarbeitern gemacht zu haben, ein „Bedürfnis nach Fortsetzung“ entsteht.

Wenn sich ein Vorstand nun also einig ist, dass es ohne bezahlte Mitarbeiter nicht mehr geht. Wie sollte er vorgehen?

Fischer: Erst mal sollte sich der Verein über die verschiedenen Möglichkeiten der bezahlten Mitarbeit informieren. Außerdem empfiehlt sich ein externes Informationsgespräch, wie ich es zum Beispiel in NRW und Niedersachsen durchführe. Dabei kann vermittelt werden, auf was man alles achten muss, etwa bei den Lohnnebenkosten. Außerdem rate ich dazu, erst mal mit kleinen Formen der bezahlten Mitarbeit zu beginnen, zum Beispiel mit geringfügig Beschäftigten oder Honorarkräften, und sich dann langsam zu steigern. Gerade im sportpraktischen Bereich gibt es da viele Möglichkeiten. Ausgangspunkt ist der sogenannte Übungsleiterfreibetrag von 2.400 Euro im Kalenderjahr. Wird überschritten, lässt sich ein fließender Übergang zur geringfügigen Beschäftigung oder zur Selbstständigkeit gestalten. Das geschieht in vielen Vereinen bereits!

Und auf Verwaltungsebene?

Fischer: Hier wird meist mit Minijobbern für die Buchführung oder die Mitgliederverwaltung begonnen. Häufig werden diese Stellen später ausgedehnt. Wer sich für diesen Bereich nach Mitarbeitern umschaut, sollte wissen: Es gibt derzeit ein Überangebot an ausgebildeten Sport- und Fitnesskaufleuten, die etwa als Geschäftsstellenmitarbeiter optimal geeignet sind. Sie verfügen häufig auch über sportpraktische Kenntnisse, die sie sich zusätzlich angeeignet haben, und können dann auch im Sportbereich eingesetzt werden. 

Becker: Eine weitere Möglichkeit besteht darin, Aufgaben auszulagern – ob an ein Steuerbüro oder einen externen Dienstleister für Gebäudemanagement. In solchen Fällen sind die Kompetenzen klar geregelt. So sollte man es auch bei internen bezahlten Mitarbeitern handhaben: Aufgaben, Erwartungen und Befugnisse müssen genau definiert werden. Kommunikation ist hier das Zauberwort! Regelmäßige Treffen zwischen Haupt- und Ehrenamt sind deshalb unabdingbar!

Isabell Boger