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Good Governance

Grundsätze guter Verbandsführung

GOOD GOVERNANCE Codex

Der XXVII. Ordentliche Sportbundtag hat mit Beschluss vom September 2015 das Präsidium beauftragt, bis zum nächsten Sportbundtag einen Good Governance Codex zu erstellen.
Mit der Vorlage zum Hauptausschuss im Juni 2016 informiert das Präsidium inhaltlich über den Stand des Codex und bittet den Hauptausschuss gleichzeitig um Zustimmung zu dem Entwurf.
Es besteht im gegebenen Fall genügend Zeit den Good Governance Codex bis spätestens zum Sportbund 2018 breit und intensiv zu beraten.

 Nachfolgend die Vorlage:

Präambel

Der Landessportbund Hessen (lsb h) ist die Dachorganisation des organisierten Sports in Hessen. Angesichts der Bedeutung des lsb h für das gesellschaftliche Leben in Hessen ist von allen Organen, Gremien und Personen des lsb h verantwortliches Handeln gefordert. Grundlage hierfür sind Transparenz, Integrität und Partizipation. Daher gibt sich der lsb h „Grundsätze guter Verbandsführung“.


1.    Anlass / Hintergründe
Es besteht eine Fülle von Gründen, warum das Thema „Good Governance“ auch im Sport seit einigen Jahren an Bedeutung gewonnen hat, ja zu einem Modebegriff geworden ist. Der entscheidende Ansatz hierfür liegt darin: Das Sportsystem ist strukturell und funktionell unter zunehmenden Begründungszwang geraten. Die Frage danach, warum Entscheidungen so fallen und wie sie fallen, braucht zufriedenstellende Antworten.

Folgt der Sport seinem ethischen Anspruch, wird er seinen programmatischen Anforderungen gerecht, kann er die Zuwendung umfangreicher öffentlicher Mittel rechtfertigen, werden saubere Trainingsmethoden angewendet, setzt der Sportler unerlaubte Hilfsmittel zur Leistungssteigerung ein usw., alles Fragen, die den Rechtfertigungsdruck im Sport verstärkt haben.

Es gibt darüber hinaus einen zweiten wichtigen Begründungszusammenhang, der auf einer anderen Ebene liegt.

Er hat damit zu tun, dass wir seit Jahren einen Prozess der Verschmelzung von öffentlichen Einrichtungen und Non-Profit-Organisationen beobachten können. Mit dieser Verschmelzung und damit verbundenen neuen Verantwortungsstrukturen ist es schwieriger geworden, Entscheidungsverantwortung zuzuordnen. Dieser spezifische Prozess der Herausbildung komplexer Steuerungsformen zwischen Staat, Markt und Netzwerken wird als neue Form von Governance bezeichnet. Insofern stellt Good Governance als Steuerungsform staatlicher und intermediärer Einrichtungen ein Programm dar zur Verbesserung des Regierens und Verwaltens zwischen unterschiedlichen Systemen.


2.    Rahmen
Der Hintergrund für die größer gewordene Herausforderung gerechtfertigten Handelns ist die Sorge, dass mit der zunehmenden Verquickung von Staat und Sport (sog. korporatistische Systeme) nicht mehr zu erkennen ist, wer die Verantwortung trägt. Der Kampf gegen Doping ist dafür eines der geeigneten Beispiele eines nur bedingt funktionierenden Governance-Systems.

Gleichzeitig mit der Veränderung der Governance-Struktur ist der Sport immer stärker mit der Gesellschaft verquickt. Ob wir wollen oder nicht, Fakt ist, dass der Sport im Zuge dieser Entwicklung immer mehr sportlich–übergreifende Aufgaben wahrnimmt – Stichwörter hierfür sind z. B. Integration, Schule, Kindeswohl, Senioren. Damit ist das für den Sport geltende Wertesystem immer enger mit anderen Systemen in Austausch geraten.

Auch im Zuge dieser Entwicklung ist die Führungsverantwortung des Sports größer geworden, für die eine Kultur der Wertschätzung die wesentliche Grundlage darstellt. Bei all diesen Veränderungen bleibt die zentrale Motivation des Sporttreibens erhalten: um das gemeinsame Erlebnis, die Freude am Sport, die Pflege des sozialen Miteinanders im Alltag – und das alles im Sportverein und den entsprechenden Fachverbänden. Daher leitet der organisierte Sport auch seine besondere Verantwortung ab.


3.    Begriff
Aus dem bereits erwähnten Zusammenwachsen von Staat (Markt) und intermediärem Sektor ist der Ruf nach einer klaren Verantwortungsregelung entstanden. Das bedeutet nicht, dass der Sport es jemals versäumt hat, zu seiner Verantwortung zu stehen. Nur, es war eben vor einigen Jahrzehnten einfacher, diese Verantwortung wahrzunehmen und sich ihr öffentlich zu stellen. Wir müssen aber auch zugestehen, dass die Öffentlichkeit kritischer geworden ist und Grund hat, die Legitimation des Sports einzufordern. Insofern betrifft Good Governance die Grundlage sportlichen Handelns.

Governance ist mehr ein Konzept der Interaktion zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Insofern setzt das Konzept des Good Governance stärker auf das Prinzip der Freiwilligkeit und die Selbstreinigung der jeweiligen Organisationen.

Mit der Bestimmung des Good Governance kommt der wertende Charakter hinzu. Gutes „Regieren“, das ist die Herausforderung für den Sport und impliziert eine Reihe wichtiger Prinzipien, die als eine Leitlinie praktischen Handelns gelten. Was bedeutet es also konzeptionell, wenn der Sport gut regiert?


4.    Prinzipien des Good Governance

4.1.    Klarheit von Absichten/Zielen
Die Organisation sollte über ihre Ziele im Rahmen einer Vision und strategischen Ausrichtung verfügen. Sie sollte ihre Funktion in der Gesellschaft bestimmen und mit ihren Mitgliedern darüber Einigkeit erzielen und sollte eine geeignete Form des Monitoring einsetzen.

4.2.    Standards an Demokratie
Die Einrichtung sollte über einen klar definierten Organisationsrahmen verfügen, in dem Entscheidungsorgane eindeutig benannt sind. Ebenso klar sollten die Entscheidungsprozesse bestimmt und die Rechte der Mitglieder festgelegt sein, ebenso wie die der Stakeholder (Interessengruppe). Die Entscheidungsorgane unterliegen demokratischen Prinzipien. Bei der Verlagerung von Verantwortung auf Kommissionen oder Externe sind deren Aufgaben unmissverständlich festzulegen, ebenso ihre Zusammensetzung und Einsetzung.

4.3.    Transparenz
Die wesentlichen Grundlagen des Handelns sind offenzulegen, die Entscheidungsprozesse sollten nachvollziehbar und transparent gestaltet werden. Der Zugang zu relevanten Dokumenten (Datenschutz!) ist möglichst einfach und rechtzeitig zu gewährleisten (Mitarbeiter, Mitgliedsorganisationen). Transparenz setzt klare Verantwortungsregeln voraus.

An dieser Stelle ist der Hinweis angebracht, was wir alles im Internet publizieren (Funktionsträger, Haushalt etc.).

4.4.    Integrität
Jede Entscheidungsfindung sollte objektiv und unabhängig erfolgen, ohne persönliche Unterdrucksetzung. Gesinnungsethik herrscht im Zweifel vor Verantwortungsethik. Bei der Entscheidungsfindung sind die Regeln des Fair Play einzuhalten, Gesetze, Regeln und Satzungen zu befolgen. Chancengleichheit ist immer zu gewährleisten, Diskriminierung abzulehnen. Es ist eine Kultur der Förderung ethischen Verhaltens der Mitglieder zu entwickeln. Bei Verletzung der Integrität einer Einrichtung sind geeignete Sanktionen zu ergreifen, um Verstöße zu ahnden (Sportgerichtsbarkeit).

(Es folgen noch Hinweise zu Übernahme von Honorartätigkeiten durch Gremienmitglieder, Nach-Außen-Tragen von Insider-Wissen, Kenntnis eines Straftatbestandes z. B. bei Korruption, Annahme von Geschenken in welchen Fällen, Annahme von Einladungen, Einladungen an Dritte. Auch zu Sanktionen können noch einige Sätze aufgenommen werden (Schiedsgerichtsbarkeit)).

4.5.    Partizipation und Einbindung
Die Mitgliederrechte (und -pflichten) sind nach demokratischen Regeln festzulegen. Die Mitglieder sind frühzeitig und angemessen zu beteiligen, interne und externe Interessengruppen sind angemessen in Meinungs- und Willensbildungsprozesse einzubeziehen. Bei der Einbeziehung von Interessengruppen ist es sinnvoll, die zugedachte Rolle zu formalisieren und ihre Repräsentation festzulegen.

4.6.    Integration und Engagement
Der Sport ist darauf bedacht, möglichst alle Bevölkerungsgruppen zu integrieren – ohne irgendeine Form der Diskriminierung. Dies gilt für alle Beteiligungsformen und Entscheidungsorgane. Angesichts der überragenden Bedeutung des Ehrenamtes für den Sport ist es von essentieller Bedeutung, durch die Einhaltung von Good Governance-Prinzipien das Engagement in der Bevölkerung, insbesondere bei jungen Menschen, zu fördern.

4.7.    Management und Verantwortung
Ein funktionsfähiges, qualifiziertes Management für die Führungsaufgaben einer Dachorganisation, das die Verantwortung angemessen wahrnehmen kann, braucht inhaltlich definierte Aufgaben, klar beschriebene Anforderungsprofile und eine überzeugende Aufgabenteilung. Die Qualität des Managements entscheidet wesentlich über die Qualität des gesamten Mitarbeiterstammes.


5.    Umsetzung durch den Landessportbund
Die Umsetzung der Good Governance-Prinzipien im Landessportbund Hessen geschieht nicht im luftleeren Raum. Die Umsetzung ist zudem ein fortlaufender Prozess, der aktive Mitwirkung erfordert.

Die Prinzipien des Good Governance fließen in die Satzung des lsb h, die Geschäftsordnung und weitere Satzungsbestandteile ein und sind ggfs. danach anzupassen. Die Wirksamkeit der Good Governance Prinzipien entsteht aber nicht durch ihre bloße Existenz, sondern muss im Bewusstsein des Einzelnen verankert werden und gilt für hauptberuflich Beschäftigte ebenso wie für die ehrenamtlich Tätigen. Allerdings sollte auch keine Regulierungswut zur Umsetzung der Werte und Grundsätze Platz greifen.

Für den Aufgabenbereich des Good Governance müssten Zuständigkeiten innerhalb des lsb h festgelegt werden. Ansprechpartner für die Mitarbeiter sollte zunächst der Vorgesetzte sein. Sollte dies nicht möglich sein, so kann darüber hinaus das Ressort Personal, der Betriebsrat oder der Good Governance-Beauftragte des lsb h sein.

Das Präsidium des lsb h ist zuständig für die Umsetzung des Good Governance. Das Präsidium ist gegenüber den zuständigen Organen rechenschaftspflichtig. Ob eine eigene Good Governance-Stelle im lsb h eingerichtet werden soll, ist zu beraten, genauso wie die Aufgaben eines Good Governance-Beauftragten festzulegen und zu erörtern sind.

Fraglich ist auch, ob für eine angemessene Kommunikation (v.a. intern) besondere Schulungsmaßnahmen (Weiterbildung) sinnvoll oder notwendig sind. Neben der möglichen Schulung ist die Beratung (auch durch externe Partner) von Bedeutung. Schließlich sind Verfahren notwendig, die den Umgang mit Verstößen gegen die Prinzipien des Good Governance regeln.

Folgende Punkte sind im weiteren Prozess der Umsetzung des Good Governance noch zu prüfen:

-    Präsidium (Aufgaben)
-    Verhältnis Präsidium – Geschäftsführung (Management)
-    Hauptamtliche und ehrenamtliche Führungskräfte (Zusammenarbeit)
-    Ablauf Entscheidungsprozesse
-    Zusammenarbeit mit Sportkreisen und Fachverbänden, …
-    Good Governance-Beauftragter
-    Verhaltensregeln Haupt-/Ehrenamtliche

In folgenden Bereich ist zu prüfen, ob die vorhandenen Bestimmungen ausreichen:
-    Verhaltensrichtlinien zur Integrität in der Verbandsarbeit
-    Positionierung gegen sexualisierte Gewalt, zum Kinder- und Jugendschutz
-    Anti Doping
-    Spielmanipulation und Wettbetrug
-    Teilnahme an Wettbewerben


1.    Toleranz, Respekt und Würde
Toleranz und Wertschätzung sind die Grundlage für ein vertrauensvolles Miteinander. Gegenseitiger Respekt sowie die Wahrung der persönlichen Würde und der Persönlichkeitsrechte gewährleisten eine faire, partnerschaftliche Zusammenarbeit und sichern die Einheit in der Vielfalt. Diskriminierung in Bezug auf Rasse, Ethnie, Nationalität, Religion, Weltanschauung, Alter, Geschlecht, sexuelle Identität oder Behinderung ist unzulässig. Belästigungen werden nicht toleriert.

2.    Null-Toleranz-Haltung
Regeltreue und Fairplay sind wesentliche Elemente im Sport. Geltende Gesetze sowie interne und externe Richtlinien und Regeln sind einzuhalten. Gegenüber Rechts- und Pflichtverstößen, insbesondere Doping und Spielmanipulationen, hat der DOSB eine Null-Toleranz-Haltung.

3.    Transparenz
alle für den DOSB und dessen Aufgaben relevanten Entscheidungsprozesse sowie die zugrunde gelegten Fakten werden mit größtmöglicher Transparenz und Sorgfalt behandelt. Dies betrifft insbesondere alle finanziellen und personellen Entscheidungen. Vertraulichkeit sowie datenschutzrechtliche Vorgaben werden beachtet.

4.    Integrität
Integrität setzt objektive und unabhängige Entscheidungsfindung voraus. Wenn persönliche, insbesondere wirtschaftliche, Interessen bei einer für den DOSB zu treffenden Entscheidung berührt werden („Interessenkonflikt“), sind diese offenzulegen. Einladungen, Geschenke und sonstige materielle oder ideelle Vorteile dürfen nur im vorgegebenen Rahmen in transparenter Weise angenommen oder gewährt werden. Die Interessenvertretung für den Sport in Deutschland erfolgt in transparenter und verantwortlicher Weise.

5.    Partizipation
Demokratische Mitgliederrechte und praktizierte Mitgliederbeteiligung aller Gruppen, insbesondere auch für Kinder, Jugendliche und Aktive, sowie die Einbindung beteiligter Interessengruppen(Stakeholder) gewährleisten der pluralistischen Struktur entsprechende zukunftsweisende Entscheidungen.

6.    Nachhaltigkeit und Verantwortung für die Zukunft
Der lsb h verpflichtet sich im Interesse der Zukunftssicherung für nachfolgende Generationen zu einer nachhaltigen Verbandspolitik, die die Achtung der Umwelt, ökonomische Anforderungen und gesellschaftliche Aspekte in angemessenen Ausgleich bringt.

7.    Sportlerinnen und Sportler im Mittelpunkt
Die Sporttreibenden aller Alters- und Leistungsstufen und ihre Vereine stehen im Mittelpunkt des Engagements im deutschen Sport. Ihnen zu dienen, verlangt eine ethisch geprägte Grundhaltung und pädagogische Ausrichtung von allen Verantwortlichen.