Landessportbund

11.10.03

Dr. Rolf Müller: Rede zum Sportbundtag

Es ist nicht mehr zu überhören: Im Gefüge unseres Sozialstaates, der in Teilen längst zu einem Wohlfahrtsstaat geworden ist, knirscht es gewaltig. Dabei wird mir gegenwärtig bei der Frage, wie unser Sozialsystem gesichert werden kann, zu einseitig und zu vordergründig über dessen Finanzierbarkeit diskutiert.

 

Natürlich haben wir in den letzten Jahrzehnten über unsere Verhältnisse gelebt. Wir hatten uns so schön daran gewöhnt, dass es ständiges Wachstum schon richten werde. Und jetzt kann vieles Liebgewonnene nicht mehr bezahlt werden. Das haben wir als Sport gerade am eigenen Leib erfahren, als über 2 Millionen Euro an originären Landeshaushaltsmitteln gekürzt wurden.

 

Das ist schmerzlich für uns und hinterlässt seine Spuren. Doch ich habe nicht die Absicht zu lamentieren. Denn wir brauchen kein Lamento in dieser Gesellschaft, davon haben wir schon genug. Was wir brauchen ist ein tiefer gehendes Forschen nach den Ursachen der aktuellen Krise. Das führt dann bald zu der Grundfrage des Verhältnisses von Bürger, Staat und Gesellschaft .

 

Diese Grundfrage lautet: „Wie viel muss und wie viel darf der Staat im Leben des Einzelnen bestimmen ?“.Die richtige Antwort auf die Frage muss zu einem Mentalitätswandel in unserer Gesellschaft führen, der weit über noch so mutige und ehrgeizige Spar-Operationen hinaus geht. Es darf nicht länger die bequeme Frage, „was kann der Staat denn alles für mich tun?“, Hochkonjunktur haben, sondern diese Frage muss wieder vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Die Einstellung „was kann ich für diese Gesellschaft leisten?“ muss stärker zur Richtschnur des Denkens und Handeln werden.

 

Und damit sind wir nicht nur bei der Beschreibung einer dringend notwendigen Mentalitätsänderung in unserer Gesellschaft, sondern damit sind wir bei der Beschreibung dessen, was die Menschen in den Sportvereinen Tag für Tag leisten. Damit sind wir bei der Beschreibung des Lebensprinzips Ehrenamt und bei einer aktiven Bürgergesellschaft. Plötzlich zeigt sich, wie modern, wie aktuell die Idee „Verein“ ist und immer war.

In Zeiten der Krise eines finanziell und strukturell überforderten Staates schlägt die Stunde des ehrenamtlichen Engagements. Nicht als „Spardose der öffentlichen Hand“, nicht als preiswerter Ersatz für unbezahlbare Planstellen, sondern als ein Angebot der Bürger, aktiv diesen Staat zu gestalten. Was diese Gesellschaft dringend braucht ist eine Reform des Bewusstseins, vornehm ausgedrückt: einen Paradigmenwechsel. Das ist für uns allerdings nichts Neues.

 

Der Landessportbund Hessen hat sehr früh die Notwendigkeit von „inneren Reformen“ erkannt. Die zurückliegenden drei Sportbundtage 1997, der außerordentliche 1999 und der im Jahre 2000 waren geprägt von dem Bedürfnis nach einer Modernisierung der Sportorganisation und von einer neuen Position in der sich dramatisch verändernden Gesellschaft. Wir spürten alle eine – oft noch unbestimmte - Aufbruchstimmung, wir spürten einen Ruck, der mit der Überzeugung verbunden war, dass nur eine dynamische, zukunftsorientierte Sportbewegung die Kraft hat, die Veränderungen aktiv mit zu gestalten. „Starke Vereine brauchen einen starken Landessportbund“, dieser Slogan hat nichts von seiner Richtigkeit eingebüßt, er gilt mehr denn je.

 

Die Ergebnisse lassen sich sehen. Wir haben neun Kernaufgaben des lsb h definiert, wir haben strukturelle Veränderungen mit der Aufnahme der Verbände und Sportkreise als Organe vorgenommen, das Präsidium hat sich der mühsamen Aufgabe unterzogen, die hauptamtlichen Strukturen der Geschäftsstelle diesen inhaltlichen Kernaufgaben anzupassen.

 

Damit ist der Landessportbund in einen dauerhaften Entwicklungs- und Veränderungsprozess eingetreten, wir sind zu einer „lernenden Organisation“ geworden. Mitten in diesen Prozess hinein formulierte der hessische Sportminister Volker Bouffier die Idee der Olympia-Bewerbung Frankfurts und der Rhein-Main-Region, der sich am Ende 36.000 Bürgerinnen und Bürger als freiwillige, engagierte Helfer anschlossen, und für die 44.000 Schülerinnen und Schüler mit Begeisterung eintraten.

 

Diese Bewerbung war aus den bekannten Gründen, die andere Strippenzieher zu verantworten haben, am Ende nicht erfolgreich. Aber sie hat mit einem Schub Kräfte an Kreativität, an Phantasie, an Ideen freigesetzt und hat dem Sport in Hessen unwiderrufliche ideelle und auch materielle Vorteile gebracht.

Sport als Staatsziel in der Verfassung, Sport im Rundfunkrat, Sport in der Hessischen Gemeindeordnung, das Landes-Trainerprogramm, das „Jahr des Schulsports“, dies sind nur einige Akzente, die auch das Ergebnis dieser Olympia-Bewerbung sind. Für uns ist eines klar. Wenn schon die Olympischen Spiele 2012 nicht in Hessen stattfinden, dann werden wir eben viele Teilnehmer aus Hessen zu diesen Olympischen Spielen schicken.

 

Das klingt stark und ein wenig trotzig. Aber es ist sehr ernst gemeint. Die Schubkraft der Olympia-Bewerbung darf nicht folgenlos verpuffen, sie darf keine Episode bleiben, sondern sie muss die Kraft einer Vision gewinnen. Der französische Schriftsteller Antoine de Saint Exupéry hat dafür ein schönes Bild gefunden. „Wenn du Menschen beibringen willst ein Schiff zu bauen, dann lehre sie nicht einen Baum zufällen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem Meer.“Welche „Sehnsucht“ bleibt für uns nach der Olympia-Bewerbung ?

 

Wir dürfen nicht aufhören, an einem ehrgeizigen Ziel zu arbeiten. Und dieses Ziel heißt „Sportland Hessen“ ! Dabei geht es nicht um eine einseitige Vision des Spitzen- und Hochleistungssports, sondern es geht ebenso um moderne Vereinsstrukturen, ein starkes Ehrenamt, die dringend notwendige Weiterentwicklung des Schulsports sowie attraktive Angebote des Breiten-, Freizeit- und Gesundheitssportes.

 

Aber Sportland Hessen heißt auch unverzichtbar die Bewerbung um hochrangige nationale und internationale Sportveranstaltungen, ein Angebot an Trainings- und Wettkampfstätten und den Ausbau der Rahmenbedingungen für den Leistung- und Breitensport. Erste Voraussetzung allerdings ist, dass wir dieses Ziel anstreben wollen, dass es unser gemeinsames Ziel ist.

 

„Sportland Hessen“ setzt eine Identifikation mit dem Leistungssport voraus, nicht als Lippenbekenntnis, sondern als aktives Wollen. „Sportland Hessen“ muss auf einem positiven Bild des hessischen Sports in all seinen Facetten aufbauen. Zur Verwirklichung dieser Idee braucht der Sport starke Partner, vor allem in der Politik, aber auch bei den Medien und anderen gesellschaftlichen Gruppen.

 

Die gegenwärtigen Krisensymptome und Zeichen der Orientierungslosigkeit in unser Gesellschaft sind für uns eher ein Ansporn für aktives Handeln als für gelähmtes Nichtstun. Während der Staat sogenannte „freiwillige Leistungen“ serienweise streicht, nimmt die Zahl der „freiwilligen Leistungen“ unserer Vereine an Zahl eher zu.

Im Gesundheitssport, bei der Ausgestaltung der Ganztags-Betreuung in den Schulen, bei der Integration ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, in der Umweltberatung übernehmen Vereine, Verbände, Sportkreise und der Landessportbund seit vielen Jahren Leistungen, die nicht unbedingt zu den originären Kernaufgaben des lsb h zählen.

Das Präsidium, das Sie heute wählen, hat ab morgen eine weitere wichtige Aufgabe. Es muss angesichts der finanziellen Situation des Staates und der öffentlichen Hände konkrete Überlegungen und Planungen anstellen, wie zukünftig auf der Ausgaben- wie der Einnahmenseite durch eigene Anstrengungen die Abhängigkeit von staatlichen Geldern weiter verringert werden kann.

 

Wir sind bei der Spar-Operation der Landesregierung noch einmal mit einem tief blauen Auge davon gekommen. Aber die Einschläge kommen näher, und die Einschnitte im Sport-stättenbereich, bei der Weiterführung der Vereinsarbeit, beim Jugend- und Leistungssport sind Einschnitte in die sportliche Infrastruktur, die in erster Linie unsere Vereine treffen. Auch die Sparmaßnahmen auf kommunaler Ebene treffen zusätzlich unsere 7800 Vereine.

 

Wir kennen unsere Bedeutung für den Zusammenhalt dieser Gesellschaft, in der an allen Ecken und Enden Bindungen zerbrechen, wir sind selbstbewusst genug, um die Rolle der Vereine und der knapp 200 000 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiten im hessischen Sport für eine aktive Bürgergesellschaft einschätzen zu können. Wir sind auch bereit, einen eigenen Beitrag zur Konsolidierung des Staates zu leisten. Dabei hoffen wir jedoch auch weiterhin auf die Wertschätzung unserer gesellschaftlichen Arbeit.

 

Die deutsche Sprache verfügt über ein wunderbares Wort, das leider nicht immer Hochkonjunktur hat. Dieses Wort heißt „Dankeschön“. Ich danke Ihnen allen, dass Sie Tag für Tag ihren Beitrag leisten, damit Hessen ein liebens- und lebenswertes Land bleiben kann und dass Hessen zu einem „Sportland“ wird. Es lohnt sich für dieses Ziel zu arbeiten.

 


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