Sport und Flüchtlinge

Sportangebote für Flüchtlinge

Beispiele, wie Sportvereine sich engagieren können

Verein trifft Flüchtling

Sport verbindet. Deshalb können Sportvereine einen wesentlichen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen leisten. Beim gemeinsamen Sporttreiben  werden Hemmschwellen abgebaut, Fairness, Toleranz, Respekt und Teamgeist gefördert – zwischen den Flüchtlingen und im Kontakt mit der örtlichen Bevölkerung. Auch die Vereine profitieren: Sportler aus anderen Kulturkreisen bringen neue Impulse und fördern die Offenheit der Mitglieder. Zudem kann Überalterung und Mitgliederrückgang entgegengewirkt werden, wenn es gelingt, die meist jungen Flüchtlinge auch langfristig zu binden.  

Bei all diesen positiven Aspekten dürfen Vereine sich aber nicht selbst überfordern: Übungsleiter sind keine Trauma-Therapeuten und sollten im Zweifelsfall auf professionelle Hilfe verweisen. Außerdem sollten Sportvereine bei ihrer Kernkompetenz bleiben und vor allem Sport organisieren. Für andere Angebote können und sollten externe Netzwerkpartner mit ins Boot geholt werden.

Die Voraussetzungen sind in jedem Verein und je nach Unterbringung der Flüchtlinge unterschiedlich. Folgende Liste gibt anhand von Beispielen einen Überblick, auf wie vielfältige Weise Sportvereine sich engagieren können:

Aktionstage in Sammelunterkünften

Foto: Michael Eloy Werthmüller

Es ist eng, es gibt kaum Privatsphäre und so gut wie nichts zu tun: In einem Erstaufnahmelager oder einer Sammelunterkunft zu leben, ist anstrengend. Denn dort treffen häufig traumatisierte Menschen aus den verschiedensten Ländern aufeinander. Doch wie soll man sich ablenken? Sport kann da Wunder wirken. Doch gerade in Erstaufnahmelagern gilt: Eine Integration in den Sportverein gestaltet sich schwierig, schließlich bleiben die Flüchtlinge häufig nur wenige Wochen in der entsprechenden Gemeinde. Aktionstage vor Ort sind hier eine gute Möglichkeit, um mit den Asylsuchenden in Kontakt zu kommen – und ihnen einen ersten Eindruck zu vermitteln, welche Rolle Sport in Deutschland spielt.

Beispiel: Flüchtlinge können zum Sport kommen – oder der Sport zu den Flüchtlingen. Genau diese Idee hatte die Sportjugend Hessen im Sportkreis Fulda-Hünfeld: Gemeinsam mit dem 1. Fuldaer Judoclub, der Initiative "Welcome In" und einem Spielmobil der Sportjugend Hessen machte sich das Team auf in Richtung Wasserkuppe. Dort, in einer Jugendherberge auf Hessens höchstem Berg, sind seit einiger Zeit Flüchtlinge untergebracht – abgeschieden, ohne regelmäßige Busverbindung, ohne Einkaufsmöglichkeiten und häufig von Kälte und Nebel umgeben. Abwechslung war hier gern gesehen!
Zuerst legten die Flüchtlingskinder ihre Scheu ab: Sie hatten Spaß beim Kistenklettern, übten sich in Jonglage, bewegten sich mit Pedalos und Stelzen über das Gelände, warfen Körbe beim Basketball und fingen Frisbees auf. Bei den Erwachsenen brach die Musikanlage das Eis: Über das eigene Mobiltelefon hatte jeder die Möglichkeit, seine Lieblingshits aufzulegen. Und so tanzten Groß und Klein, Alt und Jung, Christen und Muslime – egal welcher Nation – über drei Stunden miteinander.
Am Ende der ganztägigen Aktion konnten nicht nur die Flüchtlinge auf einen bewegten Tag zurückblicken: Auch ohne gemeinsame Sprache waren erste Kontakte geknüpft worden und das Sportjugend-Team versprach, bald wieder vorbeizukommen.

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Aktionstage im Verein / Vereinsübergreifende Info-Tage

Foto: Pobporn Fischer

Deutschland ist das Land der Vereine. Doch nicht in allen Weltregionen ist die Idee des Sportvereins so verbreitet. Auch die Sportarten, die ausgeübt werden, unterscheiden sich je nach Kulturkreis. Um Flüchtlingen näherzubringen, was Vereine sind und welche Angebote es vor Ort gibt, sind Aktions- oder Informationstage deshalb bestens geeignet. Dafür können sich auch mehrere Vereine zusammenschließen.

Beispiel: Auf Initiative der TSG Seligenstadt fand Ende September 2015 ein Informationstag für Flüchtlinge statt. Verschiedene Abteilungen der TSG sowie einige andere Vereine beteiligten sich. Die Flüchtlinge hatten so die Möglichkeiten, sich im Handballspielen auszuprobieren, beim Basketball Körbe zu werfen, sich die Regeln des Faustballs erklären zu lassen und vieles mehr. Darüber hinaus hatte die TSG-Handballabteilung einen Flohmarkt für Sportbekleidung organisiert, an dem die neuen Mitbürger sich eindecken konnten. So kann der Start in den Vereinssport gelingen!

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Beschaffung von Sportbekleidung

Papiere, Smartphone, ein paar Klamotten: nur das Nötigste haben viele Flüchtlinge mit nach Deutschland gebracht – wenn sie auf dem langen Weg nicht auch noch das verloren haben. Sportbekleidung ist deshalb häufig Mangelware. Es fehlt an Sporthosen, an Turnschläppchen für die Kinder, an Schienbeinschonern und Sporttaschen. Dinge, von denen viele Deutsche noch einige Exemplare ungenutzt zu Hause liegen haben. Eine Sammelaktion im Verein oder gar ein Flohmarkt für Sportbekleidung ist deshalb eine gute Lösung, um schnell und preiswert Hilfe zu leisten. Ratsam ist es, vorher eine Abfrage bei den Flüchtlingen durchzuführen, um auch die richtigen Größen und Bekleidungsarten zu erwischen.

Beispiel: Auch Verbände können helfen! Das dachte sich bereits im März 2015 der Hessische Volleyballverband. Er durchsuchte einfach mal seine Lagerbestände. Kleidungsstücke, Sporttaschen oder Volleyballartikel, die mit alten Logos bedruckt waren, wurden gesichtet und anschließend an die Caritas gespendet. Die gab die nagelneuen, aber für den Verband nicht mehr zu verwendenden Sachen an die Flüchtlinge weiter.

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Regelmäßige Sportangebote explizit für Flüchtlinge

Foto: Sportjugend Hessen

Wenn Flüchtlinge nicht lange an einem Ort bleiben oder sich gleich mehr als ein Dutzend für eine Sportart – häufig Fußball – interessiert, fällt es schwer, die Asylsuchenden ins normale Vereinsangebot einzugliedern. Ein Anfang in Richtung Integration und vor allem ein Weg aus der Langeweile bieten in diesem Fall aber regelmäßige Sportmöglichkeiten für Flüchtlinge, zum Beispiel an zwei festen Abenden pro Woche. Was Vereine dafür brauchen? Einen freiwilligen Trainer oder Übungsleiter und die nötigen Hallen- oder Platzkapazitäten.

Beispiel I: Christian Schmitt trainiert beim TV Lampertheim die zweite Mannschaft der Fußballer. Dort, so überlegte er sich vor einigen Monaten, können auch ein paar Flüchtlinge mitkicken – und so das Vereinsleben kennenlernen. "Dann haben sich aber so viele gemeldet, dass ich für sie erst mal ein Extra-Training angeboten habe", erzählt er. Unter den knapp 20 jungen Männern hätten viele "fußballerische Grundlagen". Für andere sei die Sportart Neuland. Schmitt ist das egal. "Mir geht es darum, dass sie sich bewegen und etwas für sich tun können", sagt er. Inzwischen klappt auch die Verständigung recht gut. Und Ausdauer haben die jungen Männer aus Eritrea, Syrien und Co. auch: Jeden Montag kommen sie mit dem Fahrrad zur Sporthalle, um dann im Flutlicht ihrer alten und neuen Leidenschaft nachzugehen: Fußball.

Beispiel II: Wenn Flüchtlinge nach Hessen kommen, landen sie häufig zuallererst in Gießen: Dort ist das hessische Erstaufnahmelager. Mal sind es Tage, mal Wochen, mal Monate, die die Flüchtlinge hier untergebracht sind. Fest steht: Auf Dauer bleibt fast keiner. Das gilt auch für die Vielzahl unbegleiteter Jugendliche, deren Zahl im vergangenen Jahr immer weiter angestiegen ist. Gerade ihnen will man in Gießen aber eine Perspektive bieten – und hat deshalb spezielle Sportangebote ins Leben gerufen. Drei qualifizierte Übungsleiter bieten nun mehrmals pro Woche Sport in Gruppen mit zwölf bis 15 Teilnehmern an. Das Angebot geht auf eine Initiative von Gießens Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser zurück. Der zuständige  Caritasverband freute sich über das Angebot und nahm es an. Das große Interesse der Jugendlichen gibt ihm recht.

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Einbindung in das "normale" Sportangebot des Vereins

Wer gemeinsam Sport treibt, kommt miteinander in Kontakt, baut Berührungsängste ab, lernt, den anderen zu verstehen. Damit Integration gelingen kann, sind genau diese Punkte notwendig. Auch deshalb ist immer wieder von der "integrativen Kraft des Sports" die Rede. Wenn Flüchtlinge für längere Zeit in einer Stadt oder Gemeinde untergebracht sind, bietet es sich deshalb an, nicht nur Aktionstage zu organisieren oder Extraangebote zu schaffen, sondern sie aktiv in den ganz "normalen" Trainingsbetrieb einzubinden.

Beispiel: Knapp 30 Passanträge hat Daniel Klimpke in den vergangenen Wochen und Monaten bearbeitet. 30 Passanträge für Flüchtlinge, die im SV Wisper Lorch nicht nur mitkicken, sondern auch beim Spielbetrieb mitmachen wollen. 14 bis 27 Jahre sind die jungen Männer alt, die sich dem Verein angeschlossen haben und in den verschiedenen Altersklassen ganz normal mittrainieren. "Sie sind stolz, in unserem Trikot aufzulaufen", erzählt Klimpke. Damit die Kommunikation noch leichter fällt, entwickelt der Verein gerade ein Fußball-Wörterbuch, das wichtige Begriffe auf Deutsch, Englisch, Arabisch und Albanisch auflistet.

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Gewinnung von Flüchtlingen als Helfer

Anhand der Fußballregeln die deutsche Sprache lernen. Foto: Steffen Reuß

Viele Flüchtlinge sind jung und sportbegeistert. Sie haben Zeit – und viele von ihnen freuen sich über eine sinnvolle Beschäftigung. Die können sie als Ehrenamtliche im Sportverein finden. Positiver Nebeneffekt: Die Integration fällt leichter und die Vereine gewinnen neue Helfer. Ob bei Projekten und Aktionen (Reparaturarbeiten in der Sporthalle, Pflege des Vereinsgeländes, Mithilfe bei Veranstaltungen) oder dauerhaft durch Helfer- und spätere Übungsleitertätigkeit: Für Vereine können Flüchtlinge ein echter Gewinn sein.

Beispiel I: Beim Fußballverein SV Wisper Lorch (siehe "Einbindung in das normale Sportangebot") packten die fußballbegeisterten Flüchtlinge schon zweimal fleißig mit an: Bei den regelmäßigen Säuberungsaktionen rund um den Sportplatz schnitten sie Sträucher zurück, sammelten Müll und Laub zusammen oder sorgten dafür, dass der Sportplatz wieder eins a aussieht. 

Beispiel II: Seit Oktober 2015 bieten die Sportjugend Hessen und der Fußball-Kreis Offenbach gemeinsam mit den Vereinen  SG Egelsbach und FSV Bischofsheim eine erste Ausbildungsstufe für Flüchtlinge an: Beim Vorbereitungskurs "Engagement im Fußball/Jugendfußball als Betreuer, Trainer oder Schiedsrichter für junge geflüchtete Menschen" lernen die Asylsuchenden in erster Linie Deutsch – anhand von fußballtypischen Spezialbegriffen und Redewendungen. Zudem werden das Schiedsrichterwesen beleuchtet und Fußballregeln vermittelt. Bei praktischen Übungen mit dem Ball werden die Kenntnisse dann vertieft. Damit das Gelernte gleich angewendet werden kann, haben einige der jungen Männer bereits ehrenamtliche Tätigkeiten in den Vereinen aufgenommen – etwa als Helfer im Jugendtraining. So sind sie bestens vorbereitet, um zeitnah zum Beispiel an einem „Schiedsrichter Neulingslehrgang“ teilzunehmen.

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