Interview Dr. Rolf Müller

Corona und der Sport in Hessen

Einschätzungen des lsb h-Präsidenten

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Sport sind vielfältig. Wir haben mit Landessportbund-Präsident Dr. Rolf Müller darüber gesprochen, wo er die größten Herausforderungen sieht, wie er die Situation wahrnimmt und ob er sich weitere Unterstützung der Politik erhofft.

29-04-2020

Dr. Rolf Müller, wie beurteilen Sie die Auswirkungen der Corona-Krise auf den organisierten Sport in Hessen?

Dr. Rolf Müller: Die Auswirkungen sind enorm – schließlich ist der Sport- und Wettkampfbetrieb in allen rund 7.600 hessischen Sportvereinen seit Mitte März komplett ausgesetzt. Das ist für alle Akteure eine schwierige Situation, insbesondere deshalb, weil unklar ist, wie und wann es weitergeht.  Den Verbänden fehlt die Planungssicherheit im Hinblick auf Wettkampfformate und Spielserien. Außerdem drohen hier massive finanzielle Ausfälle. Für uns als Landessportbund, aber auch für zahlreiche andere Sportorganisationen, spielen normalerweise auch die vielen Bildungs- und Qualifizierungsangebot eine große Rolle. Diese können nur teilweise auf digitale Angebote umgestellt werden, viele Aus- und Fortbildungen müssen entfallen bzw. verschoben werden. Das hat unter Umständen Auswirkungen auf Lizenzverlängerungen. Hier ist nun eine gewisse Flexibilität gefragt.

In vielen Vereinen herrscht unterdessen eine gewisse innere Unruhe: Den Vereinsverantwortlichen, die sonst so rührig sind, sind gerade in vielen Bereichen die Hände gebunden. Viele tun ihr Möglichstes: Sie organisieren solidarische Hilfsaktionen, bieten Online-Kurse für ihre Mitglieder an, halten Online-Versammlungen ab, werfen älteren Mitglieder Aktivitätskarten in den Briefkasten. Obwohl ich überall ein großes Verständnis für die bisherigen Einschränkungen wahrnehme, fällt es ihnen schwer, mit diesem unverschuldeten Stillstand umzugehen. Schließlich sind viele von ihnen schon jetzt mit den negativen Auswirkungen der Krise konfrontiert und die Angst, wie es danach weiter geht, ist groß. Sie sehnen sich dringen nach einer Perspektive.

Den Mitgliedern fehlt natürlich die Sportaktivität an sich. Sie ist der Ankerpunkt der Vereine. Je länger die Situation andauert, desto deutlicher wird aber auch, wie wichtig die sozialen Kontakte sind, die ein Verein bietet. Sport in der Gemeinschaft stärkt eben nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Aus diesem Grund wird jeder noch so gute Online-Kurs nie ein persönliches Zusammenkommen im Kursraum ersetzen! Das ist mich Sicherheit auch ein Grund dafür, dass viele Mitglieder sich bisher solidarisch gegenüber ihren Vereinen zeigen: Ihnen scheint gerade jetzt der soziale Wert eines Vereins bewusst zu werden.

Als dramatisch stufe ich es ein, dass die zahlreichen Sportangebote, die auf Integration, Inklusion, Gesundheitsförderung oder Rehabilitation zielen, derzeit nicht stattfinden können. Dadurch geht ein großer gesellschaftspolitischer Mehrwert des Sports verloren. Auch leiden viele Kinder und Jugendlichen: Sie können ihren Spiel- und Bewegungstrieb derzeit nicht wie gewohnt stillen, vom sozialen und pädagogischen Mehrwert der Sportangebote ganz zu schweigen.

Auch der Leistungssport war einige Wochen ausgesetzt, was viele Nachwuchs- und Spitzenathleten vor besondere Herausforderungen hinsichtlich ihres Trainings gestellt hat. Durch die lange Unklarheit und die dann erfolgte Verschiebung der Olympischen Spiele wurden die Planungen hier deutlich durcheinandergebracht. Aufgrund der Ausnahmeregeln ist das Training der Leistungssportler in den vergangenen Tagen langsam wieder angelaufen. Das ist gut, sorgt aber für neue Herausforderungen, etwa was die Schutzmaßnahmen in unseren Sportstätten betrifft.  


Wie hoch ist der zu erwartende finanzielle Schaden?

Dr. Rolf Müller: Die Einnahmeausfälle der Vereine und Verbände können derzeit kaum belastbar geschätzt werden. Denn aktuell weiß niemand, wie lange Sportangebote ausgesetzt bleiben, wann und in welchen Bereichen es eventuell Öffnungen oder Lockerungen gibt, ab welchem Zeitpunkt ein Wettkampf- und Spielbetrieb wieder möglich sein wird und wann andere Veranstaltungen der Vereine und Verbände wieder stattfinden können. Wir gehen aber davon aus, dass allein in Hessen in nächster Zeit ein hoher zweistelliger Millionenbetrag aufläuft.

Besonders wirtschaftlich getroffen sind mittelgroße und große Vereine, Vereine mit eigenen Sportanlagen, mit Kursangeboten und festangestellten Mitarbeitern. Darüber hinaus sind diejenigen Clubs mit erheblichen Risiken konfrontiert, die professionellen und semiprofessionellen Sport anbieten und auf Zuschauer angewiesen sind. Auch sportartenspezifisch gibt es sicherlich große Unterschiede: So haben uns bereits in den ersten Wochen viele Reit- und Fahrvereine kontaktiert. Anders als Bälle oder ein Schwebebalken müssen diese auch während der Aussetzung des Sportbetriebs fressen, regelmäßig auf die Weide oder zum Hufschmied. Da entstehen hohe Kosten, die derzeit nicht adäquat durch Einnahmen gedeckt werden können.


Was ist für Vereine die größten Herausforderungen in der Corona-Krise?

Dr. Rolf Müller: Neben den wirtschaftlichen Engpässen und finanziellen Risikoszenarien ist die mittel- bis langfristige Entwicklungsperspektive der Vereine und Verbände die zentrale Herausforderung. Momentan halten die meisten Mitglieder ihrem Verein die Treue. Das zeigt, dass sie ihren Verein nicht nur als Dienstleister wahrnehmen, sondern ihn als Ort der Gemeinschaft, als wichtigen Teil ihrer Identität betrachten. Durch die gerade geforderte „soziale Abgeschiedenheit“, bin ich sicher, lernen viele Menschen diese Werte noch mehr zu schätzen.

Gleichzeitig leiden auch viele Sportvereinsmitglieder unter den finanziellen Auswirkungen der Corona-Pandemie: Sollte das Sportangebot weite Teile dieses Jahres ruhen, werden am Jahresende sicherlich einige Mitglieder einen Austritt erwägen – schlicht und einfach dessen, weil auch sie weniger in der  Tasche haben. Das gilt es in jedem Fall zu verhindern. Schließlich wären vor allem die Zielgruppen betroffen, für die Sport im Verein besonders wichtig ist. Ich denke da zum Beispiel an Kinder aus weniger privilegierten Familien. Wir müssen deshalb dringend diskutieren, wann ein Wiedereinstieg in den Vereinssport möglich ist und in welcher Art und Weise.

Denn bei den Mitgliedern hört es ja nicht auf: Aus meiner Sicht wird es auch eine Herausforderung sein, alle ehrenamtlichen Übungsleiter und Trainer dafür zu begeistern, nach Corona weiterzumachen. Gerade, wenn es Austritte geben sollte, fragt sich vielleicht der eine oder andere: Wofür tue ich das? Warum stehe ich seit Jahren jede Woche in der Halle oder auf dem Platz, wenn mir das so wenig gedankt wird? Eine zentrale Herausforderung dieser Zeit ist es deshalb auch, den Verein zusammen zu halten.


Welche Maßnahmen ergreift der Landessportbund, um Vereine und Verbände zu unterstützen?

Dr. Rolf Müller: Der Landessportbund Hessen hat die Kommunikation mit seien Vereinen, Sportkreisen und Verbänden während der Corona-Pandemie noch verstärkt: Wir informieren und beraten quasi täglich: telefonisch, durch Rundschreiben und Newsletter, über FAQs auf unserer Webseite, in unserer Zeitschrift „Sport in Hessen“, in den sozialen Netzwerken und, und, und. Der Informations- und Beratungsbedarf ist enorm. Für uns hat es daher oberste Priorität, weiterhin erreichbar  zu sein und niemanden alleine zu lassen. Gleichzeitig steht der Landessportbund in einem regen Austausch mit der Landesregierung und den parlamentarischen Vertretern im Hinblick auf die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen an der Schnittstelle von Sport und Corona sowie hinsichtlich finanzieller Soforthilfeprogramme.


Braucht es mehr Unterstützung aus der Politik?

Dr. Rolf Müller: Grundsätzlich bewerten wir die Unterstützung der Politik als positiv. Das Soforthilfeproramm zur Existenzsicherung von gemeinnützigen Sportvereinen  war hier ein wichtiger Schritt. Nun braucht es aber klares Signal für einen stufenweisen Wiedereinstieg in den Vereinssport – und substantielle Finanzhilfen auch jenseits der aktuellen Soforthilfen.