Wie läuft der Wiedereinstieg?

Nachgefragt in den Vereinen

Wie läuft der Wiedereinstieg?


Wochenlang sind Tausende Hessinnen und Hessen häufiger Joggen gegangen als normal, sie sind durch ihre Wohnzimmer gehüpft, haben im Keller Gewichte gestemmt, an der Parkbank die Muskel trainiert und beim Online-Workout in die Wohnungen ihrer Vereinskameraden geschaut. Dann kam der 9. Mai – und Training im Sportverein war plötzlich wieder erlaubt. Zumindest auf dem Papier. Denn vor dem Start gab es für die Hessischen Sportvereine einiges zu beachten und zu erledigen. In der ersten Woche nach dem „Wiedereinstieg“ haben wir mit einigen Vereinsvertretern gesprochen. Diese Aufzeichnungen werden wir hier nach und nach veröffentlichen.


Sportkreis Fulda-Hünfeld,
Sportabzeichen-Beauftragte Elke Piaskowski erzählt:

"Am 12. Mai hatten wir in Fulda die ersten Corona-Sportabzeichen-Abnahme. Die Stadt Fulda hatte über die Öffnung der Sportanlagen informiert und geregelt, dass die Vereine für die Einhaltung der Regeln verantwortlich sind. Es darf nur ein Verein – bzw. in diesem Fall der Sportkreis Fulda-Hünfeld – gleichzeitig auf dem Platz trainieren.

Auf der Homepage und in Facebook haben wir auf den Beginn der Sportabzeichen-Saison aufmerksam gemacht und darauf hingewiesen, dass die Abnahmen und das Training nur mit einer vorherigen Anmeldung erfolgen kann. Am ersten Termin hatten sich nur sieben Sportlerinnen und Sportler angemeldet, die sich alle in eine Teilnehmerliste zur Nachverfolgung der Infektionskette eintragen mussten. Auch alle 12 anwesenden Prüferinnen und Prüfer haben sich in diese Liste eingetragen. Fragen dazu gab es keine. Wir hatten Hinweisschilder zum Ablauf und mehrere Hinweistafeln mit den Hygienebestimmungen und den Abstandsregeln aufgestellt. Auch wurde Hand- und Flächendesinfektionsmittel bereitgestellt, die der Sportkreis zur Verfügung stellt.

Zu Beginn haben wir die Disziplinen Standweitsprung, Weitsprung, Laufen – Kurz- und Langstrecke – angeboten. Bei den wenigen Sportlern haben wir es auf Wunsch der Sportler auf Medizinballweitwurf und Seilspringen ausgedehnt. Diese Geräte haben nur die Sportler angefasst und diese wurden vor und nach der Benutzung desinfiziert. Schwierig ist nur die Beachtung der Abstandsregeln. Besonders bei Personen, die sich untereinander gut kennen. Auch muss darauf geachtet werden, dass beim Laufen der Abstand größer sein muss."

(veröffentlicht am 21.05.2020)


 

Oberhessischer Golf-Club Marburg
Michael Schwarz, Präsident, erzählt:

„Zugegebenermaßen: Der Golfsport hat es derzeit wohl am einfachsten! Wir spielen von Natur aus an der frischen Luft und mit Abstand. Körperkontakt gibt es auch sonst nur beim Abklatschen oder bei der Umarmung zur Begrüßung. Auch die nötigen Sportgeräte werden meist nur von einer Person angefasst, da ja jeder seine eigenen Schläger und Bälle hat. Die neuen Bestimmungen ließen sich in unserem Club daher ganz gut umsetzen.

Die wohl größten Einschränkungen bestehen darin, dass unsere Umkleide- und Duschräume gesperrt sind und dass der Flaggenstock nicht mehr berührt oder herausgenommen werden darf.

Natürlich ist unser Sekretariat jetzt nur noch mit einer Person besetzt, wir haben eine Plexiglasscheibe aufgestellt und Hinweisschilder angebracht. Außerdem vergeben wir derzeit exakte Startzeiten. Dafür müssen sich unsere Mitglieder vorab telefonisch anmelden. So stellen wir sicher, dass maximal vier Personen auf einer Bahn sind. Trotzdem können immer 60 Leute parallel spielen – bei 65 Hektar ist das kein Problem!“

(veröffentlicht am 19.05.2020)


Hersfelder Ruderverein 1977 e.V.
Andrea Weiß, stellvertretende Vorsitzende, erzählt:

„Ich habe nachgemessen: In unseren Zweiern und Vierern lässt sich ein Abstand von 1,50 Metern nicht einhalten. Da fehlen ein paar Zentimeter! Das bedeutet, dass derzeit nur in Einern gerudert werden kann. Für viele Breitensportler ist das eine Herausforderung, gerade jetzt, wo sie aufgrund des Winters und der Corona-Pause so lange nicht auf dem Wasser waren.

Einige unserer Mitglieder sagen außerdem: Unter diesen Bedingungen ist es uns zu blöd zu rudern. Anderen erscheint es einfach noch zu gefährlich. Noch halten sich die Nachfragen nach Ruderzeiten daher in Grenzen. Somit ist aber auch klar: Für viele wird die Saison sehr kurz werden oder überhaupt nicht stattfinden. Wir machen uns daher schon Sorgen, ob es zu Kündigungen kommen wird.

Gleichzeitig steigt der Aufwand für uns Ehrenamtliche: Gerudert werden kann derzeit nur mit Anmeldung und nach Zeitvorgabe. Außerdem muss immer eine Person vor Ort sein, um die Einhaltung der Regeln zu überwachen. Unsere Umkleiden und Duschen sind selbstverständlich geschlossen. Die Skulls – also die Ruder – haben wir den einzelnen Sportlern zugeordnet, so dass sie immer nur von einer Person angefasst werden. Auch Desinfektionsmittel haben wir zur Verfügung gestellt. Kurzum: Wir versuchen alles umzusetzen und hoffen, dass uns die Mitglieder gewogen bleiben!“

(veröffentlicht am 18.05.2020)


TSC Blau-Gold Gießen,
Bernhard Zirkler, Vorsitzender, erzählt:

„Die Coronakrise hat uns überrascht, aber nicht unvorbereitet getroffen. Aus früheren Erfahrungen heraus haben wir uns darauf eingestellt, dass es Dinge gibt  – etwa eine Überschwemmung –, die den Trainingsbetrieb lahmlegen können. Auch dank unseres jungen Mitarbeiterteams ist sehr schnellein Konzept für Online-Angebote entstanden. Dabei ist auch klar: Wer auf die Einnahmen als Kursleiter angewiesen ist, ist besonders erfinderisch! So kommtes, dass wir bis zu 80 Kurse pro Woche online angeboten haben. Das ist hervorragend angenommen worden, wir haben sogar drei Mitglieder gewonnen in dieser Zeit.

Als die Lockerungen bekannt wurden, haben wir dann erst mal herumgefragt und festgestellt, dass zwei Drittel der Teilnehmenden Präsenzkurse derzeit als zu gefährlich empfinden und vorerst lieber online weitermachen wollen. Somit läuft beides nun parallel. Natürlich kommen unsere Trainer dadurch auf mehr Stunden, weil sie vor Ort unterrichten und ihre Online-Kurse anbieten. Das bezahlen wir entsprechend.

Entgegengekommen ist uns, dass wir unsere Einheiten in Räumen abhalten, die über die ganze Stadt verteilt sind. So kommt es weniger zu Ballungen. Trotzdem gab es gut zu tun: An den Ballettstangen mussten Abstandsmarken, für Contemporary Bodenmarkierungen angebracht werden. Beim Paartanz darf nur zusammen tanzen, wer auch sonst ein Paar ist. Außerdem setzten wir hier nun eher auf stationäre Tänze. Poledance findet erst mal nicht statt, weil hier viel Hilfestellung nötig ist – das funktioniert mit Abstand natürlich nicht.  Generell bin ich aber überrascht, wie diszipliniert die Teilnehmenden sind und wie positiv die Online-Angebote angenommen wurden. Zum Teil sogar so gut, dass wir sie auch nach dieser Krise beibehalten werden.“ 

(veröffentlicht am 17.05.2020)


KSV Baunatal
Timo Gerhold, Vorstandsvorsitzender, erzählt:

„Das Ausmaß der Lockerungen, die die Landesregierung am 8. Mai verkündet hat, hat uns durchaus überrascht. Da konnten wir unsere Pläne und Überlegungen, was sich draußen umsetzen lässt, erst mal wieder in die Schublade packen! Stattdessen hat uns die Stadt Baunatal eine weit größere Herausforderung gestellt: Bevor ihre Sportstätten genutzt werden können, müssen wir für jede Sportart, für jedes Angebot und für jede Sportstätte darlegen, wie wir die Vorgaben erfüllen können. Das ist für die Ehrenamtlichen in unsere 36 Abteilungen eine sehr zeitaufwändige Aufgabe – und eine, die mit viel Verantwortung verbunden ist.

Gleichzeitig mussten wir für unsere eigenen Gebäude Hygienekonzepte erstellen und kommunizieren. Es ist schon eine logistische Meisterleistung, die Abstandsregelungen realisieren zu können! Dafür haben wir Einbahnstraßensysteme geschaffen, neue Uhrzeiten festgelegt und sogar eine App eingeführt. Wer sich darüber – oder telefonisch – nicht anmeldet, darf in keinen unserer über 80 Kurse. Der Vorteil ist: So haben wir gleich eine Teilnehmerliste, um Kontaktketten nachvollziehen zu können. Außerdem wollen wir einige Kurse ins Freie verlegen, um das Ganze etwas zu entzerren. Das alles bedeutet natürlich: Mehr Aufwand, mehr Personal, mehr Geld. Und im Grunde trotzdem weniger Leistung für die Mitglieder. Wir sind gespannt, wie sich das längerfristig auswirkt...

Gerade die Mitglieder der Abteilungen, die wenige Probleme sahen, Tennis oder Pétanque etwa, haben schon früh mit den Hufen gescharrt! Schließlich durften sie in anderen Kommunen gleich am 9. Mai loslegen. Interessanterweise sind es vor allem die Älteren, die ungeduldig sind. Das liegt wohl daran, dass für sie die sozialen Kontakte, die ein Verein bietet, besonders wichtig sind.“

(veröffentlicht am 16.05.2020)


SG Riedrode
Fabian Kreilling, Beisitzer, erzählt:

„Derzeit (das Telefonat fand am 13. Mai statt; Anm. d. R.) liegt unser Betrieb im Bereich Fußball noch komplett auf Eis. Wir sehen einfach noch kein klares Konzept, wie Fußball derzeit funktionieren soll. Wenn wir allen Vorschlägen des DFB bzw. des Hessischen Fußball-Verbandes folgen, hat das mit unserer Sportart, wie wir sie kennen, ja nicht mehr viel zu tun. Deshalb ist uns das Risiko derzeit einfach zu hoch.

Noch ist ja auch nicht klar, wann es mit einer Runde weitergeht. Solange sollen sich unsere Spieler individuell fit halten. Natürlich sehen wir aber auch, dass viele gerne wieder spielen würden. Gerade den Kindern fehlt diese regelmäßige Bewegung sehr. Aber Bambini, E- oder F-Jugendlichen dazu zu bringen, zwei Meter Abstand zu halten und den Ball nicht anzufassen – das stelle ich mir schwierig vor. Und ich glaube, kein Verein will, dass eine Ansteckung mit dem Corona-Virus auf hobbymäßigen Fußball zurückzuführen ist. Die Frage ist ja auch: Wer haftet in so einem Fall? Da wollen wir kein Risiko eingehen.

Anders sieht es bei unserer Aerobic-Gruppe aus: Die kann schon wieder in die städtischen Hallen und dort mit Abstand Sport ausüben. Die Stadt Bürstadt hat hier schnell Hygienekonzepte vorgelegt, Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt und die Vereine informiert.  Wirtschaftlich bereitet uns eine andere Sache Sorgen: Durch den Wegfall von Veranstaltungen fehlen uns als Verein natürlich auch wichtige Einnahmen.“

(veröffentlicht am 15.05.2020)


Tennisclub Blau-Weiß Beilstein
Christian Dietermann, Vorstand Finanzen, erzählt:

„Seit dem 12. Mai ist unsere Anlage so hergerichtet, dass Tennisspielen nach den neuen Bestimmungen möglich ist: Wir haben unsere Mitglieder informiert, Desinfektionsmittel besorgt, Listen erstellt, damit wir wissen, wer wann auf dem Platz ist oder war, Hinweisschilder aufgehängt. Man muss an vieles denken und viele Entscheidungen treffen. Das haben wir nach bestem Wissen und Gewissen getan. Mit Tennis hat das, was nun möglich ist, aber nur bedingt zu tun. Klar, man kann auf dem Platz stehen und Bälle hin- und herspielen. Aber gerade in einem kleinen Verein wie unserem ist Sport mehr. Er ist auch Gemeinschaft. Und die ist derzeit nicht möglich.

Natürlich haben wir Verständnis dafür. Aber auch ein bisschen Angst vor den finanziellen Auswirkungen. Keine Veranstaltungen, kein gemeinsames Getränk nach dem Spiel heißt ja auch: keine Einnahmen. Darüber hinaus ist auch ein Spiel, wie wir es kennen, nicht möglich, wenn man alle Vorgaben des Verbandes einhalten will. Ein Doppel mit Sicherheitsabstand wird keine richtig spannende Partie.

Und wenn ich in einer Stunde Kindertraining alle heruntergefallenen Bälle mit der Ballröhre einsammeln und dann desinfizieren muss, bleibt fürs Üben nicht mehr viel Zeit. Trotzdem wollen wir auch Kindertraining anbieten. Denn gerade bei denen ist die Ungeduld groß! Generell versuchen wir, das Beste aus der Situation zu machen. Denn für die kann ja keiner was. Und vielleicht können unsere Mitglieder ja darüber lachen, dass eigentlich jeder seinen eigenen Stift mitbringen muss, um sich auf unserer Liste einzutragen.“

(veröffentlicht am 14.05.2020)