2020/21

Keine neuen Menschen - aber gestärkte

Die aktuelle Staffel des Mentoring-Programms ist abgeschlossen / Mentees und Mentorinnen blicken mit Begeisterung darauf zurück

Ob das was für sie ist? Daran hat Antje Brenzel keine Sekunde gezweifelt, als sie vor fast zwei Jahren die Ausschreibung des Mentoring-Programms des Landessportbundes Hessen in den Händen hielt. Die einzige Frage, die sie zögern ließ, war diese: Bin ich mit über 50 Jahren zu alt dafür? Sie hat dann entschieden: Nein, das ist sie nicht. Es war eine Entscheidung, über die sie heute überglücklich ist: „Das Konzept, als Mentee von einer Mentorin begleitet zu werden, und vor allem die Themen der angebotenen Seminare haben mich von Anfang an begeistert. Und eigentlich hat jedes davon mir ein Aha-Erlebnis beschert.“ (siehe auch S. 8)

Es sind fast überschwängliche Worte, in denen die Sportwartin des Hessischen Skiverbandes vom Mentoring-Programm spricht. Doch damit ist sie nicht allein. Die „Sport in Hessen“ hat mit drei zufällig ausgewählten Teilnehmerinnen der letzten, im Juli abgeschlossenen Staffel gesprochen – und trotz den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie ausschließlich positive Rückmeldungen erhalten. „Ich kann das Mentoring-Programm nur empfehlen“, sagt Nicole Schreier vom Schützenverein Dietkirchen. „Man lernt nicht nur für die eigene Arbeit im Sportbereich, sondern fürs ganze Leben.“ 

Ähnlich sieht es Petra Berger. Wie Schreier ist sie in ihrem Verein, der TG Schwanheim, noch gar nicht so lange ehrenamtlich aktiv. „Ich dachte deshalb: Ein bisschen mehr Wissen und Unterstützung kann nicht schaden.“ Weil sie sich auch beruflich verändern wollte, kam das Programm genau zur richtigen Zeit. „Es hat mich in vielen Bereichen weitergebracht, auf persönlicher und auf Vereinsebene.“ Ob ein Seminar dabei besonders hervorgestochen ist? „Irgendwie hatte jedes davon absolut positive Nachwirkungen.“

Toller „Flow“ in der Gruppe

Alle drei Mentees schwärmen zudem vom „Flow“ in der Gruppe. Man sei im Rahmen des Programms mit vielen tollen, intersessanten Frauen zusammengetroffen. „Viele von uns waren gar nicht so jung wie ich vermutet hätte“, sagt Antje Brenzel. „Uns allen war irgendwie gemein, dass wir Energie gesammelt hatten, dass wir Lust hatten, was anzupacken oder auch nochmal was Neues auszuprobieren“, glaubt Schreier. Das ist vermutlich auch die wichtigste Grundvoraussetzung, um sich für das Mentoring-Programm zu bewerben. Im Flyer dazu heißt es: „Die Mentee ist eine im Sportkreis, Verband oder Verein engagierte Frau, die neue Aufgaben oder Projekte übernehmen will und sich dabei Beratung über 12 Monate wünscht.“

Auf Anhieb mag man da vielleicht eher an junge Frauen denken: Ende 20, Anfang 30 vielleicht. Doch in den Gesprächen mit den Mentees merkt man schnell: Gerade für Frauen mit Kindern ist das eine Lebensphase, in der mehr Engagement schwer zu stemmen ist. „Wir Frauen wollen immer gut vorbereitet sein und – wenn wir eine Aufgabe übernehmen – diese optimal ausfüllen. Da sagt man dann eher nein als etwas nur mit halbem Engagement zu machen“, beschreibt Brenzel. „Dafür ist jetzt die Zeit, in der wir aufholen können“, erklärt Schreier.

Ermutigen und unterstützen  

Es sind Aussagen, die auch Funktionäre aufhorchen lassen sollten: Gerade in Frauen zwischen Mitte 40 und Mitte 50 scheint ein großes Potenzial zu schlummern. Dass sie dabei auch mal an der Hand genommen werden müssen, ist für Sybille Hampel selbstverständlich. Sie ist seit Jahren im Hessischen Athleten-Verband aktiv und gehört der Sprecherinnengruppe der Frauen-Vollversammlung des DOSB an. Als Mentorin zur Verfügung zu stehen, war für sie deshalb selbstverständlich. „Meine Erfahrung ist, dass Mädchen und Frauen sich oft einfach nicht trauen. Man muss sie ermutigen und ihnen Unterstützung bieten.“

Das ist auch die Erfahrung von Dagmar Schmitt-Merkl, in der vorletzten Staffel Mentorin und nun Projektleiterin. Als Vorsitzende habe sie in ihrem eigenen Verein die Erfahrung gemacht, dass Frauen oft bereit seien dazuzuhelfen. „Aber eine Versammlung leiten oder etwas hauptverantwortlich zu übernehmen, das trauen sie sich oft nicht – obwohl ich weiß, dass sie es könnten.“ Auch im Mentoring-Programm gab es eine Situation, die diese Einschätzung bestätigt habe: „In einem Seminar sollten die Frauen ihre Stärken aufschreiben und Dinge, in denen sie sich noch verbessern können. Die zweite Seite war voll, auf der ersten standen meist nur wenige Punkte.“

Häufig helfe da ein Blick von außen. „Zu sehen, dass die anderen Teilnehmerinnen einen vielleicht ganz anders, viel stärker wahrnehmen, tut gut. Und auch die Gespräche mit den Mentorinnen sind wichtig“, weiß Schmitt-Merkl. Zu hören, dass auch diese Schwächen hätten, mal unsicher waren, aber trotzdem ihren Weg gegangen sind, helfe. „Eine wichtige Erkenntnis für mich, die ich gerne weitergeben wollte, ist: Man muss nicht immer 120 Prozent geben. Manchmal reichen auch 80. Und man kann auch delegieren. Wichtig ist zu wissen, wer etwas kann und bereit ist zu helfen“, sagt Mentorin Hampel. Der Netzwerk-Gedanke des Mentoring-Programms, er ist also ebenfalls wichtig.

Dass das sogenannte Shadowing – das gegenseitige Begleiten von Mentorinnen und Mentees zu Veranstaltungen der eigenen Sportorganisation – aufgrund der Corona-Pandemie und der langen Lockdowns schwierig war, bedauern Mentorinnen und Mentees gleichermaßen. Kontakt gehalten haben die vom Landessportbund zusammengestellten Tandems trotzdem. Viele haben telefoniert, per Videokonferenz gesprochen, sich im Garten getroffen. Petra Berger berichtet zum Beispiel, dass ihre Mentroin Monika Stöltzing-Kemmerer (TGS Walldorf) immer ein offenes Ohr gehabt habe. „Wir konnten total auf Augenhöhe sprechen und halten den Kontakt auch weiterhin.“

Doch auch die Mentorinnen nehmen etwas mit. Sybille Hampel zum Beispiel lernte von ihrem Mentee Vanessa Nord einiges über nachhaltige Sportveranstaltungen. „Sie hat sich in diesem Bereich selbstständig gemacht. Das fand ich total spannend und mutig.“ Sonja Pahl, Sportchefin von HitRadio FFH, zog beim Abschluss des Projekts sogar dieses erstaunliche Resümee: „Mir ist durch das Programm erst nochmal bewusst geworden, was ich in der männerdominierenden Welt des Sportjournalismus erreicht habe und was dafür nötig war.“

Für Projektleiterin Schmitt-Merkl ist deshalb klar, dass Angebote wie das Mentoring-Programm auch heute noch nötig sind. „Nicht, weil Frauen die Männer ersetzen oder wie Männer werden sollen, sondern weil eine gute Mischung jeder Organisation gut tut.“ Doch muss es ein Angebot ausschließlich für Frauen sein? „Eindeutig ja“, sagt Antje Brenzel. „Die Stimmung ist dann einfach eine andere. Es war sehr befruchtend und wir konnten auf einer ganz anderen Basis kommunizieren.“ Auch Petra Berger findet, dass Probleme und Ängste dadurch direkter, offener angesprochen wurden. „Und es gibt keine Männer, denen man den Vortritt lassen kann. Wir haben gemerkt, dass wir alle ein breites Kreuz haben und jeder von uns in der Bütt bestehen kann.“

„Müssen auch das Image verändern“

Ob die Teilnahme manchmal als „Frauen-Förderung“ belächelt wurde? „Wenn dann von Männern, denen die Teilnahme an solchen Seminaren selbst ganz guttun würde“, sagt Schreier. Dabei ist sie keine, die auf Männer schimpft. Erst mit über 40 zum Schießsport gekommen, habe sie sich dort immer wertgeschätzt und ernst genommen gefühlt. „Ich glaube, es hat auch viel mit dem Image gewisser Sportarten oder des Sports generell zu tun: Er wird häufig als männerdominiert wahrgenommen und ist es dadurch vielleicht auch. Dabei hat man als Frau definitiv die Möglichkeit, sich einzubringen. Wir müssen nur wollen und machen!“

Für Antje Brenzel waren es die Worte der Mentoring-Schirmherrin Anja Wolf-Blanke, die ihr in diesem Zusammenhang im Kopf geblieben sind. „Sie hat gesagt: Wenn ihr Lust auf ein Amt oder eine Aufgabe habt, dann wartet nicht, bis euch jemand fragt. Bringt euch selbst ins Spiel.“ Diesen Mut hätte sie vor dem Programm nicht gehabt, so Brenzel. Als kürzlich ein Wechsel im Vorstand ihres Skivereins anstand, hat sie dann aber auf Wolf-Blanke gehört. Jetzt ist sie zweite Vorsitzende.

„Wir machen mit dem Programm keine neuen Menschen aus den Frauen. Aber wir stärken ihre Persönlichkeit“, bringt es Schmitt-Merkl auf den Punkt. Es ist ein gewichtiger Punkt, der für viele weitere Auflagen spricht.        

Isabell Boger

Programm und Inhalte

Mentoring ist eine enge Beratungs- und Unterstützungsbeziehung (Eins-zu-Eins Beziehung) zwischen einer erfahrenen Führungskraft (Mentorin) und einer Nachwuchskraft (Mentee). Das Ziel dieser Beziehung ist die Weiterentwicklung der Persönlichkeit und der Fähigkeit der Mentee.

Wir möchten durch dieses Programm Nachwuchskräften in unseren Verbänden, Sportkreisen und Vereinen die Möglichkeit einer Qualifizierung zur Karriereentwicklung und/oder Integration in einer Organisation geben. Durch das Qualifizieren von Nachwuchskräften mit Einblicken in die Verbandsstruktur wird es möglich werden, Frauen für die Führungsebene der Vereine, Sportkreise und Verbände zu generieren und somit das Ehrenamt zu stärken. Entscheidende Aspekte hierfür sind Kommunikation, Erfahrungsaustausch sowie Aufbau und Pflege eines sozialen Netzwerkes.
Die Förderung persönlicher Kompetenzen hat ebenfalls positiven Einfluss auf das berufliche Umfeld der Mentee. Durch das Teilen ihres Wissens erhöht sich das Selbstwertgefühl der Mentorin. Sie erfährt Wertschätzung und Motivation. Das Mentoring-Programm ist eine Win-win-Situation für Mentee und Mentorin.

Das Konzept beinhaltet eine Auftaktveranstaltung und eine 12-monatige Mentoringphase mit begleitenden Seminaren für die Mentees. Im Laufe der Mentoringphase folgen - in entsprechenden Abständen - Seminare für die Mentees. Während der Laufzeit des Programms soll ein kontinuierlicher Austausch zwischen den Mentorinnen und den Mentees stattfinden. Ein weiteres Element bildet das Shadowing, bei dem die Mentees ihre Mentorin mindestens einmal oder mehrfach zu Veranstaltungen in ihrem Ehrenamt begleiten. Eine gemeinsame Präsentation der Mentorinnen und Mentees bildet den Abschluss der Veranstaltungsreihe. Die einzelnen Programmbausteine sind im Flyer aufgeführt. Zur Anmeldung muss der Fragebogen möglichst ausführlich ausgefüllt werden, um ein sinnvolles Matching zu gewährleisten.

Projektleiterin: Dagmar Schmitt-Merkl

Erfolgreich im Sport - Erfolgreich im Beruf - Erfolgreich im Leben

Ich habe diesen Slogan für das Mentoring für Frauen in Sport in Hessen entdeckt und er hat mich neugierig gemacht.

Wie wichtig das Engagement von Frauen im Sport ist, sehe ich in meinem Verein tagtäglich. Der Großteil unserer ehrenamtlich Engagierten ist weiblich, egal ob im sportlichen Übungsbetrieb oder bei allen anderen Aufgaben, die zu erledigen sind.  

Schau ich mir die Führungsebene in den Vereinen an sieht es plötzlich ganz anders aus. Beim Gauturntag, der Mitgliederversammlung unseres Turngaus, sind geschätzt nur 1/3 der anwesenden Vertreter der Turnvereine weiblich. Noch extremer ist es am Sportkreistag, der Mitgliederversammlung der Sportvereine, als Frau fühle ich mich beinahe wie eine Exotin. Werfen wir einen Blick auf die reservierten Plätze für die Ehrengäste dieser Veranstaltungen, dann sind dort weibliche Ehrengäste so gut wie nie vertreten.

Ich finde, wir müssen das ändern. Denn meiner Meinung nach sind Frauen für Führungsaufgaben wesentlich besser geeignet als Männer. Nicht weil sie intelligenter sind als Männer, sie sind auch nicht dümmer. Aber sie sind geschickter in der Führung von Menschen. Was ihnen meiner Meinung nach angeboren ist.

Aufgefallen ist es mir schon bei meinen eigenen Kindern, als sie klein waren.  Unsere beiden Töchter haben, wenn sie etwas von uns wollten, erst mal die Stimmung ihrer Eltern sondiert. Meist erfolgte der Wunsch-Angriff auf ihren Papa. Sie haben ihm mit Schmeicheleien oder Küsschen, das Gefühl gegeben, der beste Papa der Welt zu sein.  So ganz nebenbei wurde dann gefragt, ob wir heute nicht ins Schwimmbad, ins Kino oder zum Reiten gehen könnten. In der Regel waren sie damit erfolgreich.
Ganz anders dagegen unser Sohn: Geradeheraus, ohne Umschweife fiel er mit seinen Wünschen, wie mit der Tür ins Haus. Eine ehrliche Methode ja, aber seine Erfolgsquote war wesentlich geringer.

Nichts anderes ist es, was man bei der Führung von Menschen benötigt, schaffen eines angenehmen Arbeitsklimas, Motivation und natürlich Diplomatie.

Eine Verstärkung des Frauenanteils in Führungspositionen, eine gesunde Mischung von Frauen und Männern kann deshalb für uns alle nur von Nutzen sein.

Das hat der Gleichstellungsausschuss des Landessportbundes Hessen erkannt. Das Mentoring Programm soll Frauen quasi eine Starthilfe geben, ihre Persönlichkeiten durch Seminare stärken, sie wichtige Netzwerke knüpfen lassen und einen Erfahrungsaustausch mit anderen Frauen ermöglichen.

Aber was es auf keinen Fall machen soll, es soll nicht aus Frauen Abbilder von Männern machen.

Ich freue mich sehr, dass ich auch bei der kommenden Mentoring-Staffel dabei sein darf. Dieses Mal aus einer etwas anderen, aber bestimmt nicht weniger interessanten Perspektive als im letzten Jahr.

D. Schmitt-Merkl

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Weltfrauentag 2022

Seit über 100 Jahren kämpfen weltweit Frauen für die Rechte von Frauen und die Gleichstellung der Geschlechter. Anl. des „Internationalen Tag der Frauen“ am 8. März 2022 hatte der LA-GiS des lsb h zu einem Online-Stammtisch eingeladen, um auf das bisher „Erreichte“ im Thema Gleichberechtigung anzustoßen hier

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